Anele Anfänger

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    Anele -

    1968 war ich für 6 Wochen in der Verschickung in bad Dürrheim. Bereits die Scheidung meiner Eltern miterlebt, nun mit 5 Jahren weg von der geliebten Mutter. Mein Bruder, damals 8 Jahre und bereits das zweite Mal in der Verschickung, kam nach Ankunft dort in einen anderen Trakt. Ich wurde sofort von ihm getrennt und war ab dann den rigiden Erziehungsmethoden der „Diakonieschwestern“ ausgeliefert. Für mich brach eine Welt zusammen, ein unfassbares Trauma ummantelte mich, dass ich nur weinend zum Ausdruck bringen konnte. Die Horror Schwestern ließen mich spüren, dass ich ein Opfer bin und sperrten mich bei jedem Weinanfall in „Iso-Haft: Ein kleines zimmer , wo ich nur abends ein Scheibe trockenes Brot mit dünn Margarine und Tee bekam. Heulte ich beim aufschließen der Türe, ging das Procedere von vorne los. Ich sehe mich in Kauerstellung wie ein igel in diesem zimmer und da begann ich bereits einen teil von mir abzuspalten. Da ich sehr gut singen konnte und mich die morgendlichen Gotteslieder trösteten, holte man mich aus dem Zimmer raus,. Ich versprach alles zu tun, um nicht mehr eingesperrt zu werde aber das Weinen zu unterdrücken, gelang mir nicht immer. Es war ein eiskalter April und Mai 1968 und eine Maikäferplage überfiel den unwirtlichen Wald, der - immer frierend- erwandert werden musste. Ich erinnere mich an furchtbare Szenen, wenn ich meinen Bruder einmal auf der Treppe sah und ich mutwillig fortgerissen wurde. Obgleich ich zum aufpäppeln, da sehr dünn und blass, geschickt wurde, war der Hunger allgegenwärtig. Ich erinnere mich an die Jodduschen in den Waschräumen, die mich im Nachhinein an Schlimmeres erinnernund wie wir morgendlich wie Vieh hinein gezwungen wurden. Ein ekelhaftes Gebräu aus Jod und heißem Dampf ummantelte uns und der beißende brennende Geschmack ist unvergesslich. Ich erlebte unfassbare Ängste gegenüber der „OHL“; die mich noch heute begleiten. Die auferlegten Strafen (Schuhe putzen für alle), die nächtliche Einsamkeit, diese absolute Hoffnungslosigkeit, sollte noch an meinem 6. Geburtstag gesteigert werden: Mein Onkel wollte mich besuchen (er lebte in der Nähe) und brachte mir einen großen Kuchen und eine große Tüte Bonbons mit. Er wurde natürlich nicht herein gelassen und musste den Kuchen und die Bonbons abgeben. Ich hatte entsetzliches Heimweh und fing furchtbar an zu weinen. Genüßlich verkündete dann die Schwester, dass der Kuchen unter allen Gruppenkindern aufgeteilt würde wie auch die Bonbons. Nur ich würde leider nichts erhalten, sondern müsse wieder alleine sein. Das Weggesperrtsein wurde bald eher zu einem Schutzraum. Ich entwickelte Hospitalismus, ein starkes Hin und Herwälzen des Kopfes zur Beruhigung bis hin zum ganzen Körper wiegen. Diese Symptome begleiteten mich bis ich Anfang 20 war. Meine nachfolgende Kindheit wurde ich als schwierig bezeichnen. Meine Mutter kam mit meiner weinerlichen und wütenden Art und dem nächtlichen Nichtschlafen nicht zurecht und der Arzt verschrieb mir bis ich 15 Jahre alt war ein Psychopharmaka (Druxaletten). Aber mein Hospitalismus setzte sich durch. Die Kinderfarten- Schul und Hortzeit erlebte ich gleichfalls als rigide Anstalt und fühlte mich leer und kalt und nur sicher, wenn ich Zuhause war. Meine gesamte Kindheit, meine Jugend, mein Erwachsenwerden bis heute erlebe ich extrem geprägt mit Leid und Sorge. Eine erquickende Freiheit habe ich nie empfunden, wirkliche Selbstsicherheit selten erlebt. Eswar ein harter Kampf, mir eine unbekümmerte, selbstbewusste Schale anzueignen,. Heute mit Ende 50 blicke ich auf ein Leben voller seelischer Entbehrungen zurück. Die Zeit der Endsechziger waren schon karg und rigide genug. Bad Dürrheim hat dieser Zeit jedoch für mich die höllische Krone aufgesetzt, da ich dort Vertrauen und Liebe verloren habe. Daher habe ich mich entschieden: Unsere Geschichten müssen an die Öffentlichkeit! Wir haben so lange gelitten und leiden noch. Was meint ihr? Gruß Anele.