Vettelhoven - Schnellersches Kinderheim

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      Vettelhoven - Schnellersches Kinderheim

      Der schwierige Weg zur ev. Heimvolksschule in Vettelhoven

      Hans Warnecke

      Lehrer Günter Lahm hat 1952 an den Anfang seiner „Notizen für eine Chronik der einklassigen Volksschule in Vettelhoven"1) den Satz gestellt: „Gründung und Einrichtung des Dr. Schneller’schen Kinderheimes in Vettelhoven im Jahre 1948". Was hier so lapidar festgestellt wurde, beinhaltet bereits eine ganze Geschichte. Die Leitung des in Köln befindlichen Schneller’schen Waisenhauses hatte beschlossen, unmittelbar nach der Währungsreform das 1890 erbaute Schloss Vettelhoven2) von der Familie de Weerth zu kaufen. Schloss Vettelhoven gehörte damit zu den Schneller’schen Anstalten, die in Deutschland und international als evangelisches Sozialwerk tätig waren. Im Jahr 1860 war diese Einrichtung von dem schwäbischen evangelischen Theologen Johann Ludwig Schneller3) gegründet worden.

      Von Köln nach Vettelhoven

      Die Nachkriegsjahre ließen es angesichts der vielen Familien, die oftmals unverschuldet in Schwierigkeiten geraten waren und deshalb mit den eigenen auffälligen oder verhaltensgestörten Kindern nicht mehr zurechkamen, der Leitung des Waisenhauses ratsam erscheinen, fernab von der Großstadt Köln in dörflicher Umgebung im Schloss zu Vettelhoven für solche Kinder eine neue Lebensmöglichkeit zu eröffnen. In Diakon Friedrich Hammer fand man einen Heimleiter, der bereit war, mit einigen Mitarbeitern diese nicht leichte Aufgabe zu übernehmen. Nach notwendigen Renovierungen und einer entsprechenden Einrichtung für die zu erwartenden Kinder zogen am 14. März 1949 mit der Eröffnung des Heims über 100 Kölner Jungen und Mädchen nach Vettelhoven4). Etwas mehr als die Hälfte dieser Kinder war im schulfähigen Alter. Das bedeutete, dass sie vom Schloss aus jeden Morgen zur nahe gelegenen einklassigen, katholischen Volksschule zu gehen hatten, um dort am Unterricht teilzunehmen. Damit aber war plötzlich ein Konflikt in das Dorf Vettelhoven und seine Schule gebracht, den es bis dahin nicht gegeben hatte, und der augenscheinlich von der Leitung des Kölner Waisenhauses nicht bedacht worden war.

      Denn der in Vettelhoven tätige Hauptlehrer Schiffer, der in seiner Schule über dem einzigen im Erdgeschoss befindlichen Klassenraum in der ers-ten Etage mit seiner Familie in der Lehrerdienstwohnung lebte, sah sich Anfang des Jahres 1950 nicht mehr wie bisher 45, sondern plötzlich 107 Schülern und Schülerinnen gegenüber. Die bis dahin bei allen Schülern gleiche Konfession gab es nun nicht mehr, weil alle Heimkinder evangelisch waren.

      Heute im Zeitalter der christlichen Gemeinschaftsschule, in der neben christlichen Kindern ebenso konfessionslose wie auch Schüler anderer Religionen unterrichtet werden, kann kaum noch nachempfunden werden, was gerade auch diese konfessionelle Überfremdung nicht nur für die Schule, sondern auch für die Eltern und ganz Vettelhoven bedeutet hat. Aus räumlichen und pädagogischen Gründen war es klar, dass diese Kinder nicht in einer Klasse unterrichtet werden konnten. Es musste deshalb Schichtunterricht eingeführt werden, der so organisiert wurde, dass wochenweise alternierend die Hälfte der Schüler am Vormittag und die andere Hälfte am Nachmittag zur Schule gehen musste. In der bereits erwähnten Chronik von Lehrer Lahm findet sich zu dieser Situation der Satz: „Das Dorf versucht, die Aufnahme eines geordneten Unterrichts der Heimkinder an der katholischen Schule zu verhindern". Das bezog sich nicht nur auf Proteste der Eltern, sondern auch auf Anfragen der Gemeindeverwaltung bei der Schulbehörde in Ahrweiler. Denn weil selbstverständlich für alle Kinder in Vettelhoven Schulpflicht bestand, hatten sowohl die Heimkinder als auch die Kinder des Dorfes je nach Stundenplan entweder vormittags oder nachmittags den Unterricht zu besuchen. Das aber war von dem bisher nur für die einklassige, katholische Volksschule zuständigen Lehrer nur kurzfristig zu bewältigen. Denn wie sollte er unter diesen Umständen für alle Schüler des ersten bis achten Schuljahrs einen inhaltlich befriedigenden und geregelten Unterricht erteilen?

      Weil dieser Konflikt auf der dörflichen Ebenen nicht gelöst werden konnte, musste die Kreisverwaltung in Ahrweiler handeln, um es in Vettelhoven nicht zu einem Schulstreik kommen zu lassen. Schulrat Thunert entschied angesichts der unhaltbaren Situation schnell. Der Akademiestudent5) Plachner wurde noch vor seinem 1. Staatsexamen beauftragt, in Vettelhoven täglich nachmittags die Unterstufenkinder zu unterrichten, während Hauptlehrer Schiffer am Vormittag die Oberstufe betreute. Damit aber war der Konflikt nur organisatorisch entschärft. Denn in beiden Gruppen saßen in der nach wie vor katholischen Volksschule Schü­ler beider Konfessionen, was weder von der Schulgesetzgebung her zu rechtfertigen war, noch von den katholischen Eltern aus Vettelhoven akzeptiert wurde. Da es aber keine räumliche Alternative zur Vettelhovener Schule gab, und die Leitung des Kinderheims keinerlei Versuche für eine Abhilfe unternahm, musste der als so bedrängend empfundene Zustand mit wechselnden Lehrern durchgehalten werden. Das sah in der Praxis so aus, dass der zugewiesene Student sofort nach seiner Prüfung die Schule verließ, um an anderer Stelle in Rheinland-Pfalz eine seiner Ausbildung entsprechende leichtere schulische Aufgabe zu übernehmen. Dieser Wechsel wiederholte sich in den nächsten zwei Jahren permanent:Auf den Studenten Plachner folgte der Student Graf, nach ihm Günter Lahm, der allerdings bis zum November 1952 warten musste, bis er in eine andere Planstelle versetzt wurde.

      Quelle und mehr Infos incl. Bilder: kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb2001/hjb2001.44.htm