Kinderheim Mistlau

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      Original von Wonzel
      Backy, wie konnte ich dich nur übersehen! Unverzeihlich das. Auch dir vielen Dank für dein Interesse, fand ich sehr lieb von dir.


      Huch...................nen extra-backy-Danke-Posting. wow - rotwerd.............fand ich sehr lieb von dir. :D :D :D :D :D :D
      weiter gehts.....

      Wonzel inspiziert sein Zimmer. Ich meine sehen zu können, was gerade in ihm vorgeht. Nostalgische Gefühle hat er, das sehe ich an seinem Gesicht. Er scheint zufrieden zu sein und ich bin es auch, denn ich stelle mit Freude fest, dass der Geruch dieses Zimmers heute nicht mehr an drei bis vier Bettnässer erinnert, die damals Nacht für Nacht versucht haben ihr Missgeschick zu verbergen , indem sie schon während der Nacht ihre nassen Bettlaken auf die Heizkörper hingen, damit sie am Morgen keiner Schmach und Strafe ausgesetzt waren. Hier kann ich Wonzel getrost eine Nacht alleine verbringen lassen. Hier passiert ihm nichts, wenn ich nicht da bin.
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      Fortsetzung

      Wir gehen wieder runter in den ersten Stock. Auf der Treppe begegnen uns zwei Neuankömmlinge. Sie suchen ihr Zimmer. „Wir haben auf den Namen „Pusch“ gebucht“ sagt eine Frau. Ein Blitz durchfährt mich. „Gudrun Pusch?“ frage ich, die Frau nickt und ich erinnere mich, dass Gudrun Pusch mich schon als kleines Kind rumgeschleppt hat. Sie war eine hübsche und nette Praktikantin, die vorher selbst Heimkind bei den Ehrenpreisen war. Damals war sie so groß, heute ist sie ein Kopf kleiner wie ich. Auch sie erinnert sich an meinen Namen. Das ist grandios. Wonzel steht neben mir und staunt Bauklötze, obwohl es keinen Grund dafür gibt.. Er wäre jetzt gerne an meiner Stelle. Ich kann ihm nicht helfen, denn er hat andere Erinnerungen an Mistlau. Ich nehme mir vor, nach einem ehemaligen Heimkind aus seiner Gruppe Ausschau zu halten, damit er sich nicht weiterhin so zerknirscht aussieht. Dazu müssen wir uns aber wieder unter die Leute mischen.
      Während wir runter gehen, begutachte ich das Treppenhaus,dass ich morgens vor der Schule so oft fegen und bloggen musste. Zwei mal 24 Stufen, 3 m breit. Die Verziehrungen am Geländer sind wunderschön, aber damals sah ich das mit anderen Augen. Diese vielen kleinen Löcher und Ausschnitte im Geländer mussten ja von mir vom Staub freigehalten werden und das gelang mir damals nicht immer zur vollsten Zufriedenheit der Schwester Erna und ihren Praktikanten, sodass ich mir noch oft vor der Schule richtigen Ärger einhandelte. Wonzel erinnert sich nur daran, wie er mit seinen Lederhosen auf diesem Geländer runter rutschte, wenn es keiner sah. Er kann von Glück sagen, dass er damals ein Junge war und nur stundenlang Unkraut jäten musste. Wie ich ihn da so stehen sehe, denke ich:“ Der war früher sicher so ein Frecher und putzen musste er scheinbar auch nie“. In der Eingangshalle entdecken wir allerlei anthroposophisches Spielzeug in Form von Wasserklangschalen, Gongs und Pendelspielen. Eigentlich gedacht um sich meditativ einzustimmen auf den Aufenthalt an diesem Kraftort Mistlau. Die Wasserklangschale hat es Wonzel besonders angetan. Durch Reibung an den seitlichen Griffen , kann man das Wasser in Schwingung versetzen. Vorsichtig natürlich und ganz zart. Da haben sie aber die Rechnung ohne unser Wonzelchen gemacht. Mit vollem Körpereinsatz versetzt er das Wasser so in Schwingung, dass der ganze Boden rundum nass ist. „Den kenn ich nicht“, denke ich und gehe vorsichtshalber pfeifend in eine andere Ecke des Raumes. Das könnte Ärger geben. So wie früher. Aber er hat Glück, keiner hat es gesehen außer mir und ich bin ja gnädig mit ihm. Weil es noch zwei Stunden dauert bis es Kaffee und Kuchen gibt, begeben, wir uns in die einzige Wirtschaft, in der man was trinken kann. Wonzel hat kulinarisch vorgesorgt und packt sein Reiseproviant aus,. Schinken ist auf dem Brötchen. Das gab es damals nie, als wir hier in Mistlau residierten. Aus den vielen Mistlauer Schweinen und Kühen hat sicher nie ein Metzger Schinken produziert. Zumindest haben wir so eine Köstlichkeit nie zu Gesicht gekriegt. In Mistlau gab es jeden Dienstag ein trockenes Brötchen mit Quark zum Abendbrot, aber nicht so ein köstliches Schinkenweckle. Er will mich bestechen und mich wahrscheinlich anschließend noch gefügig machen, indem er mir auch ein Stück Schinkenweckle anbietet, aber ich rieche den Braten, denn ich bin ja ehemaliges Heimkind gewesen und zwar nicht nur zwei läppische Jahre wie er und habe ein gesundes Misstrauen entwickelt. Die Kneipe sieht aus wie früher, nur der Sitzplatz außen ist neu, aber der scheint extra für uns eingerichtet worden zu sein, damit diese vielen fremden Heimis, die inzwischen ja keine Ahnung mehr von den Besonderheiten auf dem Land haben und wahrscheinlich längst schon alle vom Leben in der Stadt verseucht sind, nicht auf die Idee kommen, in den Räumen zu rauchen. Natürlich sitzen wir draußen, um unseren Nikotinspiegel auf angemessener Höhe zu halten. Die einzige Kneipe im Dorf galt schon damals als verrucht und da, wo wir früher höchstens schnell dran vorbei laufen durften, da sitzen wir jetzt und trinken unser Bier. Hier fühlt sich Wonzel wohl, wenn er schon zwei Tage auf seine halbseidenen Seiten im Internet verzichten muss. Diese Dorfkneipe hat damals etliche Eltern kennengelernt, die ihre Kinder besucht haben. Sie könnte Geschichten erzählen, wenn sie reden könnte, aber das tun wir für sie, denn dafür sind wir ja auch hierher gekommen.. Die Mistlauer Forumsmitglieder gesellen sich dazu und durch den regen Austausch, vergessen wir fast, dass im Heim ein Kuchenbuffett auf uns wartet.
      Moment........
      Weiter gehts.........


      Wir laufen zurück ins Heim, vorbei an der Dorfkirche, in der ich mit vier Jahren getauft wurde, weil ich nicht noch weitere Jahre als Heidenkind durch die Welt laufen sollte. Vielleicht wäre ich schon lange auf die schiefe Bahn gekommen, wenn mich nicht der Segen des Pfarrers damals gerettet hätte. Eine wunderschöne Kirche ist es, mit Fresken aus dem 15. Jahrhundert. Der Eingang ist mit roten Schleifen und Tannenreisig geschmückt, weil gerade eine goldene Hochzeit gefeiert wird. Die Hochzeitsgäste sprechen uns an, so wie das schon seit hundert Jahren üblich ist in Mistlau Es hat sich rumgesprochen, dass die Heimkinder im Dorf sind. Eine Frau erzählt, dass sie schon damals die Spendenaktionen der Amerikaner mit organisiert hat, die viel für uns sammelten und sie den Kirchenschmuck auch nicht entfernen würde, damit wir morgen zum Gottesdienst eine geschmückte Kirche haben. Ich schiele zu Wonzel rüber, während sie das erzählt und kann mir einfach nicht vorstellen, dass dieser ungläubige Thomas wirklich morgen früh, fromm schauend in der Kirche sitzt und singt. Aber gut, nostalgische Gefühle können vielleicht auch aus einem Saulus einen Paulus machen.
      Der Gong ertönt. Ein Geräusch, das ich von früher kenne. Ich weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat, also schaue ich, wo Wonzel steckt und schiebe ihn wortlos aber bestimmt in den Speisesaal. Hier haben sich schon viele Ehemalige zum Kaffee trinken versammelt. Wie damals sitzt Schwester Annchen am Kopf des langen Tisches. Dieser Platz steht ihr zu, da sie ja die einzige noch lebende Schwester aus vergangenen Tagen ist, die am Treffen teilnimmt. Um sie herum haben sich schon die ehemaligen Lieblingskinder geschart, das erkenne ich an den Huldigungen, die Schwester Annchen von ihnen bekommt.. Hat sie auch verdient, denn sie hat sich ja schließlich viele Jahre für diese Menschen krummgelegt und ihr Leben dafür geopfert. So hatten sich die Schwestern das alle vorgestellt, wenn sie alt sind. Nur Schwester Annchen kommt in den Genuss, sie war ja damals auch die freundlichste Schwester und heute die einzige Anwesende, weil die Anderen schon tot sind. So muss es vor dem Thron Gottes sein, wenn alle lobpreisen. Nur Wonzel kann das noch nicht. Er könnte ja an mir üben. Aber nein, er hat einfach keine Lust dazu. Ich schaue mir Schwester Annchen besonders genau an. Ob sie uns gegenüber wohl ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie an früher denkt? Ob es ihr leid tut, dass sie nur zugeschaut hat und ihre Mitschwestern nicht davon abgehalten hat, so böse mit und umzugehen? Denn mitgekriegt hat sie auf jeden Fall wie Schwester Irma oder die Anderen getickt haben. Das war ja für Niemanden aus der damaligen Zeit zu übersehen. Auf eine Diskussion will ich es nicht ankommen lassen, sie würde nichts bringen, deshalb beschließe ich meine Energie in Wonzels Wohlbefinden zu stecken, den ich ständig davon abhalten muss weiteren Unfug zu machen, denn er muss ja alles anfassen, genau wie die Blinden das tun., Wir erwischen grad noch die zwei letzten Plätze. Wonzel sitzt mir gegenüber, um wenigstens in ein bekanntes Gesicht sehen zu können. Das dies gerade mein Gesicht ist, fällt ihm vielleicht nicht gleich auf. Egal.! Verstohlen hält er weiter Ausschau nach Bekannten Auffällig ist, dass er sich dabei an alles hält, was entscheidend jünger aussieht wie er selbst. Die älteren Knaben scheint er nicht als seine ehemaligen Spielkameraden akzeptieren zu wollen. Auch nicht als sie sagen, dass sie zur gleichen Zeit in Mistlau waren wie er. Nein, so alt fühlt er sich dann doch nicht. Ob das nun zu den ersten Anzeichen von Realitätsverlust gehört oder unter dem Stichwort Jugendwahn einzuordnen ist, wage ich nicht mit ihm zu diskutieren, denn wir müssen ja noch einen ganzen Tag miteinander aushalten.
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      und weiter gehts..................

      Eine Frau steht auf und verkündet, dass im Raum der Königskerzen alte Fotos lägen, die einen neuen Besitzer suchen. . Ich frage vorsichtig: “Wonzel, möchtest du Fotos von dir raussuchen?“ worauf er mit missmutigem Gesichtsausdruck nur „OOchchch“ sagt, weil das für ihn nach Arbeit klingt und er davon abgehalten werden könnte, ehemalige Sandkastenfreunde zu finden.. Das“OOchchch“ heißt soviel wie: „Christel mach du mal“. Geistesgegenwärtig lasse ich Kaffee und Kuchen stehen und stürme sofort an diesen für Wonzel so wertvollen Fundus, denn ich weiß, dass er kein einziges Foto aus seiner Kindheit hat und spätestens auf der Rückfahrt bereuen wird, dass er so unentschlossen war. Zur Strafe lasse ich ihn das Tischgebet mitsingen, das Schwester Annchen anstimmt, denn ein Opfer muss auch er bringen. Ich bin damit raus aus der Nummer. Obwohl ich gar nicht weiß, wie Wonzel damals als Wonzelchen aussah, packe ich mit dem scharfsinnigem Weitblick, der meistens Frauen zueigen ist, alles ein, was alt aussieht. So alt wie er. Nächste Woche wird er mir dafür die Füße küssen.

      Irgendwann kommt Wonzel fast gelangweilt dazugeschlendert, schaut sich ein Paar Fotos an und ich merke, wie er beschließt mit drei Fotos zufrieden zu sein. „Nix da“, denke ich, „diese Chance hast du nie wieder“ und motiviere ihn dazu weiter zu suchen. Er entdeckt plötzlich ein Bild, auf dem auch seine Geschwister sind. Ausgerechnet dieses Bild ist in ein Album geklebt worden, dass als geschichtliches Dokument im Haus bleiben soll. „Nein „ denke ich, „das gehört Wonzel, niemand Anderem“.. Als Frau der Tat, nehme ich kurz entschlossen das ganze Blatt raus und lege es zu seinen schon gesammelten Schätzen. Das wird keiner mitkriegen. Genau so war es dann auch. Nicht mal Wonzel hat es richtig registriert. Jetzt wird Wonzel lebendig. Er erkennt plötzlich ganz viele Personen auf den Bildern und ich freue mich für ihn. „Das man ihn auch immer zu seinem Glück zwingen muss“, denke ich und packe von jedem Fest, das wir in Mistlau gefeiert haben, ein paar Fotos auf seinen Haufen, den er für sich reserviert hat. Jetzt ist er so richtig im Erinnerungsrausch. Er schaut sich die Fotos nun intensiver an und immer, wenn er eine Schwester erkennt, die nicht gerade freundlich mit ihm umgegangen ist, dann ertönt aus seiner Kehle laut und deutlich „Miststück!“, was die anderen Heimis, die ja nicht wissen, dass er auch ein anderes Vokabular anbieten könnte, erschrocken die Hand vor den Mund halten lässt, hoffend, dass dies auch keiner gehört hat. Andere wiederum kichern und fühlen sich durch seinen Gefühlsausbruch sichtlich befreit. Dann kommt sogar noch seine Kamera zum Einsatz. Wie gut, dass er eine große Speicherkarte hat. So hab ich mir das vorgestellt. Schon jetzt hat sich die Reise gelohnt. Wonzel gibt mir das erste Mal Recht an diesem Tag. Ist ja eigentlich egal ob noch Leute von früher an trifft, sie sehen ja sowieso alle anders aus wie damals. Er hat’s ja gut, denn er hat mich.
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      Fortsetzung



      Fotos aussuchen ist anstrengend und macht durstig, deshalb schlage ich vor, dass wir das Tageslicht ausnutzen sollten, um uns die Gegend nochmals anzuschauen. Wonzel will alles ablaufen, weil er mir ja noch mal beweisen will, dass er noch nicht so alt ist, wie die Opas, mit denen er sich am Kaffeetisch unterhalten hat.. „Typische Selbstüberschätzung“ denke ich, weil ich sehr genau weiß, wie weit die Orte von damals auseinander liegen. Weil ich keine Lust habe, ihn nach 2 km tragen zu müssen, überzeuge ich ihn, dass wir mehr davon hätten, wenn wir mit dem Auto alles abfahren .Er lässt sich unerwarteter Weise sogar darauf ein. Er scheint sogar dankbar zu sein, denn er spricht plötzlich so freundlich mit mir. Welch ein Wunder!!! Weibliche Weitsicht war schon immer ein Segen für die Menschheit. Wieder einmal ist es sein Glück, auf mich gehört zu haben, denn so kann er sich seinen wichtigsten Traum noch erfüllen, nämlich noch einmal sein Geburtshaus in Gerabronn zu sehen, das ca.30 km von Mistlau entfernt liegt.
      Ich kutschiere ihn durch menschenleere Gegenden. Überall saftige Wiesen und Wälder und zu jeder Wiese und jedem Wald, fallen uns Geschichten ein. Wir erinnern uns an Wiesenchampignons, die wir Körbe weise gesammelt haben und die wir dann sonntags in der Soße wiederfanden. Wonzel schwärmt in höchsten Tönen von Pfifferlingen, von denen er dann abends, wenn er Glück hatte, auch ab und zu ein Löffelchen abbekam.. Er kann froh sein, denn in unserer Gruppe aßen die Pfifferlinge immer Schwester Erna, die Lehrerin Frl. Hahn und ein paar Lieblingskinder, zu denen ich ja nicht gehörte. Wonzel wahrscheinlich schon. Mehrmals muss ich den Rückwärtsgang einlegen, damit der genau diesen Wald von damals fotografieren kann. Ich tue das natürlich, denn ich will ja auch nicht, dass er ohne Fotos nach Hause kommt. Ob aber später irgendjemand so viele gleich aussehende Wälder anschauen will, wage ich dann doch zu bezweifeln. Egal, Wonzel soll seinen Spaß haben, wenn er schon mal nicht schläft und ihn die Technik seiner Kamera fasziniert. Am erstaunlichsten ist aber, dass er immer wieder annimmt, nur er würde diese Gegend kennen. Meine Erinnerungen spielen auf dieser Fahrt fast gar keine Rolle, denn er ist unzweifelhaft der unangefochtene Dschungelkönig der Gemarkung Mistlau. Es fehlt nur noch, dass er mich auffordert, ihm eine Krone zu basteln. und sein Auto in dem wir fahren in eine Kutsche umzustylen.
      weiter........


      Nachdem wir sein Geburtshaus fotografiert haben, die Stelle, an der er fast einmal in einer Jauchegrube ertrunken ist, die Wiese an der Jagst, die ihn fast verschluckt hätte, wenn er nicht von jemand aus dem Moor gezogen worden wäre und das Haus, in dem er sein erstes Techtel Mechtel hatte, fahren wir zurück, denn das Abendessen wartet.
      Wonzel ist schon wieder hungrig, wie immer wenn er auf Reisen ist und schwärmt, während er die Gemüsepizza isst, lauthals von einem Schweinebraten, den es zur selben Zeit für die, die nicht im Heim essen in der verruchten Dorfkneipe gibt. „Ganz schön verwöhnt“, denke ich, denn ich genieße wie alle anderen Heimis auch, dass es nicht Klunkersuppe und fettes Fleisch gibt, eben so wie früher in Mistlau. Gott sei Dank hat Wonzel inzwischen Ellen getroffen, die er noch von früher kennt. Mit ihr unterhält er sich dann auch sehr angeregt und schwelgt in Erinnerungen, an alte Zeiten. Mir gibt er mit einem vielsagenden Blick zu verstehen, dass das jetzt seine Bekannte von früher ist und ich mich da zurück zu halten habe. „Man wird ja wohl noch was sagen können“, denke ich „wir kennen uns Alle“ und lasse mir den Mund natürlich nicht verbieten, was sich dann zum Schluss doch als große Bereicherung für ihn rausstellt, denn ich kann die Erinnerungen der Beiden grandios ergänzen und verfeinern. Ich bin höflich, denn ich will ja auch nicht, dass er sich hinterher im Forum über mich beschwert. Den Rest des Abends verbringen wir mit den uns bekannten Forumsmitgliedern, die das ganze Mistlauspektakel eher skeptisch beobachten. Wir haben viel Spaß und angeregte Diskussionen, dank dem Bier das jetzt fließt. Bei Wonzel mehr wie bei mir, denn ich muss ihn ja später noch ins Heim zurück bringen und kontrollieren, ob er auch sein richtiges Zimmer findet.
      Meine liebe Chhristel, da sieht man mal wieder, jeder erzählt von seiner Warte aus. Nur ist es so, daß es , wie ich es berichtete, die reine Wahrheit ist. Aber bescheiden und genügsam, wie ich bin, gebe ich dir natürlich recht, wir müssen ja noch einige Jahre miteinander auskommen. Der Mann ist immer dem weiblichen, bezüglich seines selbstdarstellenden Wesens, unterlegen. Aber mach nur so weiter so. Der geneigte Leser wird schon wissen, was Sache ist. Des Weibes Drang, sich selbst zu glorifizieren, ist unermeßlich.
      Christel ist nun mal ein Weib, ein Vollblutweib, in jeder Hinsicht, sogar beim Schreiben.
      Woher weißt du das alles Wonzel??
      aber jetzt erst mal pssst------------lass mich doch mal ausreden.

      Fortsetzung

      2. Tag
      Ich schlafe in meinem früheren Zimmer traumlos und gut. Schon um 8°° Uhr bin ich fit, was ja bei mir eher selten vorkommt, bei meinen Schlafgewohnheiten. Wir werden nicht wie früher mit dem Gong geweckt, auch müssen wir kein Morgengebet sprechen und zum Frühstück, gibt es auch natürlich keine Haferflockensuppe. Wär ja auch peinlich, wenn bei so einem Treffen jemand anfangen würde zu würgen. Die Zeiten haben sich eben geändert. Alle bemühen sich anständig zu essen, registrieren aber sehr genau, wer wie viel auf den Teller schaufelt. Das bemerke ich natürlich. Ist also doch was hängen geblieben von unserer guten Erziehung. Es gibt noch einen bemerkenswerten Unterschied zu früher. Wir bezahlen 60€ um in einem Zimmer zu schlafen, dass früher unser zu Hause war. Dieses Privileg genießen nur ehemalige Heimkinder. Wenigstens etwas! Um 9°°Uhr soll Gottesdienst in der kleinen Dorfkirche sein. Den Herrn lobpreisen steht auf dem Programm. Für was eigentlich? Dafür dass wir zäh waren und überlebt haben? Oder dafür, dass sie Gott sei Dank tot sind? Beim Frühstück wurden Blätter verteilt, auf dem der Text des Heimatliedes steht, das wir früher immer singen mussten, wenn Besucher uns und das Haus besichtigten. Das Lied sollen wir in der Kirche vor den Dorfleuten singen. Genauso wie früher. „Ohne mich“, denke ich und suche mir bewaffnet mit einer Schachtel Zigaretten und einem Pott Kaffee, den schönsten Platz, den es vor dem Haus gibt. Schnell gesellen sich andere Heimis dazu und es beginnt ein lebendiger Austausch von Erinnerungen. Manche hören nur zu, wieder andere klinken sich erst nach reiflicher Überlegung in das Gespräch ein und wieder Andere ziehen mich zur Seite und sagen hinter vorgehaltener Hand, dass sie die Berichte im Forum alle genau gelesen hätten und dem Geschriebenen voll zustimmen können. So offen, haben wir vorher nie über die Zeit in Mistlau geredet. Ehe wir uns versehen haben, kommen die Kirchgänger wieder zum Heim zurück und erzählen stolz von dem Erlebnis, vor allen Dorfleuten das Heimatlied gesungen zu haben. „Wie peinlich“ denke ich. Schwester Annchen strahlt und fühlt sich sichtlich wohl im Kreise der ihr früher einmal anvertrauten Lieblingskinder. Sie sagt nicht viel, sie beobachtet mehr und vermeidet über schlechte Sachen zu sprechen. Ich kann das so akzeptieren, denn sie persönlich hat mir ja nie was getan. Sie war eine derjenigen Schwestern, die freundlich waren und auch oft gelacht haben. An ihrem unverkennbaren Lachen, habe ich sie auch sofort erkannt. Die Kinder, die damals bei ihr waren, scheinen ein gutes Verhältnis zu ihr zu haben und kleben an ihr, was sie auch sichtlich geniest. Wir, die wir andere Erfahrungen haben oder uns trauen darüber zu sprechen, ergänzen uns und reden so laut, über die heute toten Peiniger, dass es Jeder hören kann, während wir stilvoll eine Zigarette nach der anderen qualmen und Kaffee trinken. Unfassbar für alteingesessene Mistlauer.
      Richtig Quintino!!!!

      und was ich noch schnell sagen wollte.......


      Der Sonntagvormittag vergeht schnell, einfach viel zu schnell, denn jetzt zieht es Wonzel wieder Richtung Heimat und damit meine ich Freiburg i. Br.
      Das Mittagessen isst er notgedrungen, weil es eben nichts anderes gibt. Dann schaut er wieder über seine Brille und tippt vielsagend auf seine Armbanduhr. Das heißt:: Abreise, aber schnellstens. Kein Problem für mich, denn ich bin ja superschnell. Ist ihm doch egal, ob ich gerne noch beim Abschlusskaffee mal als Lieblingskind neben Schwester Annchen gesessen hätte. Kann er einfach nicht nachempfinden, denn er war ja nur läppische zweieinhalb Jahre in Mistlau ich dagegen 14 lange Jahre und außerdem ist er immer noch der König. Die Rückfahrt ist kein Problem mehr, denn Wonzel pennt schon nach ein paar Metern. „Sehr gut“, denke ich, so kann ich wenigstens den Sender hören den ich will und auch so schnell fahren wie ich will. Das tue ich dann auch. Leider hat Wonzelchen eine Konfirmandenblase und hält die drei Stunden Autofahrt nicht aus ohne noch mal eine Rast zu machen. Ist mir aber auch egal, Hauptsache er hat seinen Spaß.. Zuhause empfängt mich meine Tochter mit einer riesengroßen Überraschung. Das Wohnzimmer ist perfekt renoviert. Ich hab noch ein einziges unrenoviertes Zimmer. Vielleicht mach ich mit Wonzel ja mal wieder eine Reise, damit dieses letzte Zimmer dann anschließend genauso schön renoviert ist. Auf dieser Reise werde ich dann aber „der Bestimmer“ sein.


      Ich habe fertig!!!!!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Christel“ ()

      Wonzel
      Axel, verzeih mir, daß ich dich vergessen habe. Für dein Interesse auch besten Dank.

      ich hab mich nicht vergessen gefühlt. :) vergessen wollte ich nicht, dir dazu noch was mitzuteilen und es gaanz kurz machen. :O

      wenn ich beinahe zum ersten Mal in diesem Forum sprachlos bin, dann war das jetzt der Fall, doch nun hab ich meine Sprache wieder gefunden. Lass`mich dir ganz herzlich für deine wunderbaren und leicht ironisch eingeräucherten Eindrücke eurer gemeinsamen Reise an den Ort der Erinnerung dank sagen und auch dafür, dass wir alle daran teilhaben durften!

      Schilderungen wie diese bekommt man normalerweise nur bei Thalia und Co. Hier gibt es sie umsonst. Umsonst war es nicht, diese lesen zu dürfen. Sie waren für mich bis heute, ganz ehrlich, DER herzerfrischende Höhepunkt in diesem Forum schlechthin. Bisher habe ich schon viel lesen dürfen, doch das hier sprengt alles.

      Wonzele, Du schreibst in einem wunderbaren Stil, ich glaub` man nennt ihn Prosa. (wobei ich mich auch irren mag)

      Ab und an konnten wir alle schon mal lesen:
      heim.de
      aus heimkindern kann doch was werden.

      Ihr beide habt dies mit diesem Thema deutlich gezeigt und wenn ich jetzt weiterspinnen darf: zeigen sollte man all das wirklich - als Film!! Es steckt so viel Stoff darinnen, der reicht für mind. 90 Minuten Sendezeit oder sogar für einen Mehrteiler. Überlegt euch das beide mal!
      Wonzel
      Ich wollt', ich könnte die Zeit zurückdrehen, nur für ein kleines Weilchen....

      du konntest es doch, wie geschrieben steht. :D aber ehrlich, das möchten sicher nicht so wenige und auch mir geht es so, aber der "Zug des Lebens" rollt ja weiter und immer wieder frage ich mich, wie es sein kann, dass man nach weit mehr als fünf Jahrzehnten all das trotzdem noch einmal abrufen kann und ich bin immer wieder erstaunt, wie unser Gehirn es schafft, all das zu speichern, ob gute oder schlechte Erinnerungen. Kürzer ging wirklich nicht. :]

      PS. Bitte noch eine Frage zu beantworten, die richte ich an das
      Christel
      Vollblutweib, ....

      und an dich! Wie kann es sein, dass Ihr beide und die vielen anderen von einst nach all den miesen Erfahrungen im Heim heute dennoch in die Kirche geht?-wie zu lesen war? ?( War das damals nicht genug oder habt ihr den lieben "Schwestern" nun doch vergeben? :rolleyes: Danke für eine kurze Aw!

      lG, axel

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „axel“ ()

      Axel, da haste was falsch gelesen.
      Wir haben das leider verpasst. Nur die Lieblingskinder von damals waren in der Kirche, während wir diskutiert, gequalmt und Kaffee getrunken haben, am schönsten Platz vor dem wunderschönen Haus.
      Wir haben es leider nicht geschafft.;)

      Trotzdem kann ich sehr gut differenzieren und akzeptieren, wenn jemand im Glauben einen Halt findet.
      Der Glaube eines Einzelnen und die Art wie früherin Mistlau damit umgegangen wurde, sind für mich zwei verschiedene paar Stiefel.