Kinderheim Mistlau

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      Letzter Teil Heimfahrt:


      Wir fahren los, heim. Aber wir fahren auch los, weg vom Heim. Ich schaue zurück, während Christel immer noch ein wenig mit der automatischen Kupplung zu kämpfen hat.
      Seltsam, vor knapp einer Sekunde sind wir von Freiburg losgefahren, wieso fahren wir wieder zurück? Sollten nicht zwei Tage dazwischen liegen? Ich sehe ein letztes Mal das altehrwürdige Gebäude, das eine Renovierung der Außenfassade so bitter nötig hätte. Christel versucht wieder, mit dem linken Fuß eine imaginäre Kupplung zu treten, aber was nicht da ist, kann auch nicht getreten werden. Früher, da gab es keine Automatik, also trat man uns.
      Christel macht einen sauberen Kavaliersstart. Das Haus, Zeuge von Glück und Elend, letzteres mehr, verschwindet schnell, weil Christel auch sehr schnell und zügig die nichtvorhandene Kupplung trischt. Alt und grau ist das Haus, wie wir auch. Es scheint uns ein letztes Mal vorwurfsvoll und traurig nachzuwinken, als wolle es sagen, vergeßt mich nicht, kommt bald wieder. Ich komme wieder, wann...ich weiß es nicht, aber es wird geschehen.
      Unterwegs zur Autobahn erzählt mir Christel noch ihre Eindrücke, ich höre kaum hin, ich habe die Eindrücke noch nicht verdaut. Sie sagt, so bald ginge sie auf kein Mistlautreffen mehr. Ich sage, recht so, ich auch nicht und denke, das Haus, es hat's mir verdammt angetan. Wegen dir komme ich wieder, am liebsten gleich am nächsten Wochenende, spätestens in zehn Jahren.
      Kurz vor der Autobahn schlafe ich wieder ein. Vor der Abfahrt sag ich noch zu Christel, ich könne ja jetzt auch mal fahren. Der Blick von ihr war tödlich, so, als wolle sie sagen, seit wann denn, bitteschön, Männer Autofahren könnten. Gut, will ich auch nicht, es ist schön und protzig, sich einen Chauffeur leisten zu können. Ich habe für alles eine innere Ausrede.
      Ich schließe die Augen und lasse die eine Sekunde der zwei Tage an mir noch einmal vorbeiparodieren. Es sind so viele Kleinigkeiten, so viele untergegeangen Dinge, die langsam eine Bedeutung in mir wachrufen.
      Die Nächte, wo Christel und ihr Bruder eine gewaltige Strafe in einem Schuppenverließ verbringen mußten. Bei Christel weiß ich nicht so recht, ob sie es nicht auch verdient hat, weil nämlich, wenn ich sie heute so betrachte, na ja. Ein dunkles Verließ hat sie trotzdem nicht verdient, eher ein etwas erleuchtetes.
      Nebenbei muß ich sagen, daß sich das manchmal ein wenig sarkastisch anhört, aber vielleicht ist das meine Art, damit umgehen zu können.
      Weiterhin läuft es mir ein bißchen eiskalt den Rücken runter, wenn ich bedenke, daß ich all diese kleinen Butzeles von damals, heute alte und zum Teil verbitterte Sonderlinge, sicher nie mehr sehen werde. Schlimmer noch, sie mich auch nicht nehr.
      Verfluchte Zeit, Äonen zuvor. Sie hatte auch schöne Momente und an die erinnere ich mich besonders gerne. Da lernte ich das Fahrradfahren, das Schwimmen und Tauchen, da packte ich den einen oder anderen Barsch am Schwanz und ließ mich von ihm fortziehen, unter und über Wasser, den ganzen heißen Sommer lang. Die vielen Enten schnatterten auf mich ein und ich versuchte, sie zu verstehen. Ich verstand sie, also packte ich sie am Federschwanz und ließ mich von ihnen fortziehen, mehr über Wasser. Schmetterlinge, rießengroß mit bunten zitternden Flügeln, kitzelten meine Nase und nahmen mich am Rücken, hoben mich empor und ließen mich sachte im Sumpfe fallen, wo ich auf einer der vielen Binsen mich festkrallte. Ein Taumel sondersgleichen, der kein Ende fand. Das Ende kam in Form von Christel, die mich eindringlich noch einmal anwies, ihr zu glauben, daß sie in der Tat auf manchen Kleewiesen vierblättrige Kleeblätter gefunden hätte, zum Abwinken viele. Ich schnorchle etwas und sage, daß ich ihr das endgültig glaube, auf Ehrenwort. Wir haben schließlich noch zweieinhalb Stunden Heimfahrt vor uns.
      Das mit den Kleeblättern war heute Morgen erst Gespräch, als ich sagte, so eine schöne Kleewiese gäbe es selten. Sie ließ sich tatsächlich erweichen, eine fünfzig Meter lange Wanderung zu unternehmen, an dessen Ufer sich eine saftige grüne Wiese erstreckte. Schade sei es, sage ich, daß man noch nie ein vierblättriges Kleeblatt gepflückt hätte. Daraufhin hat sie mir den Kopf gewaschen, daß es sich gewaschen hatte.
      Sie hätte praktisch in einer Wiese von vierblättrigen Kleeblättern gebadet. Ich sage, das wären dann künstliche Mutationen gewesen. Ihre sehr erregte lauthalse Antwort zu diesem Thema ließ den letzten Bauern in Mistlau aus seinem Bett aufschrecken. Am Sonntag pflegt man eben etwas länger zu schlafen, auch hier. Zu allem Überdruß kam noch ein Oberstabsökogeneral des Weges, der ihr teilweise recht gab. Ökos sind mir immer etwas suspekt. Ab sofort esse ich wieder Fleisch, in Massen. Jedenfalls gluckste sie zufrieden und ich schaute betreten auf den Boden. Es beweißt sich wieder mal zu recht, gegen eine mehrstimmige Behauptung, zumal sie von Einzelnen in entsprechender Phonstärke erschallen, stehst du, obwohl im recht, auf verlorenem Posten.
      Doch wisse, männliche Bescheidenheit ist weiblicher Pseudologik, und sei sie noch so volltönend, schlichtweg und in aller Bescheidenheit, majestätisch überlegen. Wir Männer wissen, was Sache ist. Wir schweigen ergeben ob der Quantität jedoch nicht der Qualität der Argumente.
      Im Halbschlaf, Christel hat die Suche nach dem Kupplungsstück endgültig aufgegeben, muß ich an viele kleine, unbedeutende Dinge des vergangenen Tages im "Mutterhaus" denken. Herrzerfrischend die Szene, als Christel in ihrem Zimmer sich umzieht für den feierlichen Spelunkenbesuch im Dorf, wo es, wie schon erwähnt, nur exact 256 m sind, allerdings Luftlinie. Ich stehe hinter ihr, weil ich bin schon umgezogen, will heißen, ein paar halbwegs frische Socken sind an mir.
      Sie zieht sich obenrum aus, zwecks Anlegung einer halbwegs frischen Bluse. Ich sag' zu mir, das mußt du festhalten, wer weiß, wozu das noch gut sein wird. Sie rupft an ihrem verbrauchten Kleidungsstück, dreht mir verschämt kichernd den Rücken zu. Mir macht das nichts aus, hinten oder vorne, beides kann, wohlgemerkt: kann, ergötzlich sein.
      Ich fummle an meiner Kamera, Marke Lumix, und kriege die verdammte Bltzlichtfunktion nicht rein. Es ist immer so, wenn was pressiert, weil vojeurisch teuflisch prickelnd, kriegst du nichts hin. Bin hektisch am einstellen, keine Chance. Dann hab ich's, zu spät. Freudig kreischend dreht Christel sich um und so eingepackt, wie sie sich mir produzierte, fällt einem das Photogerät automatisch aus den Händen. Von diesem Ereignis gibt es kein Bild. Allerdings wage ich zu behaupten, daß Christel es ganz gerne gehabt hätte, wenn ich sie auf dem linken Fuß erwischt hätte. Aber sowas darf man nicht denken, geschweige denn, in irgendeiner Form äußern. Denn das ist ein christlich züchtiges Haus, war es schon immer und so soll's auch bleiben. Das ist Christels und auch meine Meinung...vorerst.
      Es gab auch eine Tombola, wo es schöne Dinge zu gewinnen gab. Jeder Gewinn ein Hauptgewinn, weil es war egal, was man gewann. Alles war so notwendig, wie eine Salatschleudertemperaturanzeige. Zwei Lose kaufte ich und gleich zwei Hauptgewinne, ein Buch von Maggi: Die schönsten Aufläufe der Welt, was ich sehr gut brauchen kann, da ich jeden Tag mindestens einen Auflauf koche. Weiterhin zwei tönerne kleine Weingäser, für den guten württembergischen Wein. Da ich aber lieber dem badischen Wein zugetan bin, hab' ich das umgetauscht gegen einen Edelstahlzuckeraufbewahrungsbehälter, verschließbar.
      Die einzige Schwester in Nonnentracht, ich glaube sie hieß Oberin Antje oder so, hat gut 90% der Gewinne abgerafft. Man munkelt, daß Schwestern bargeldlos reißen. Ich denke, sie hat die Lose per Scheck oder Staatsobligationen beglichen. Jedenfalls brauchte sie zum Heimschleppen der schönen Sachen eine Trägerin, welche ganz ordentlich gekeucht hat. Eben bei der Oberstenschwester habe ich meine Weingläser gegen den Zuckerbehälter eingetauscht. Sie steht wohl mehr auf Wein als auf Zucker.
      Ich muß sagen, die Schwester war eine sehr angenehme Dame, sah aus, wie eine Novizin von höchstens 70 Jahren, dabei war sie schon über achtzig. Das sagt Christel und man weiß ja, was man von weiblichemTratsch, zumal mit vorgehaltener Hand, zu halten hat.


      Zweiter Teil der Heimfahrt folgt in Bälde
      Die Heimfahrt nimmt weiterhin ihren Lauf. Die Autobahn, A6, ist leer, das kommt daher, daß am Sonntag diese nervigen Laster nicht fahren dürfen. Ich sage, alle Laster auf die Schiene, allerdings wäre ich dann arbeitslos, aber rein objektiv stimmt das doch, oder?
      Ich schlafe schon wieder. Meine Hobby ist das Schlafen, soviel und solange wie möglich. Und irgendwann schlafe ich 24 Stunden am Tag, ununterbrochenes Träumen. Nur bin ich in meinen Träumen auch wieder müde und schlafe stundenlang, sozusagen ein Traumschlaf, bis es dann auch wieder 24 Stunden werden, mit ununterbrochenen Träumen...lassen wir das.
      Wenn ich am schlafen bin, ist Christel rücksichtsvoll und leise. Deshalb stelle ich mich des öfteren schlafen. Mein Kopf ruht auf der Kopflehne, Blickrichtung rechts zum Fenster. So kann ich alles sehen, was sich draußen so tut. Christel denkt, ich schlafe. Gut so. Daß sie dann wieder so an die 200 Sachen fährt, macht mir nichts aus. Was zahlt man nicht alles für ein Viertelstündchen Ruhe.
      Insekten, groß und klein, knallen gegen das Auto, vor allem gegen die Windschutzscheibe, weil man da ja rausschauen muß. Das fetteste Insektengegröße, mindestens einen Quadratdezimeter groß, grün, lila und braun, sitzt genau da, wo der Fahrer am intensivsten schauen muß, sodaß man immer links und rechts, oben und unten vorbeigucken muß. Das kann ganz schön anstrengend sein. Das ist Murphy's Gesetz, sollte man so hinnehmen. Schließlich fährt ja Christel, die findet immer einen Weg, irgendwas zu erspähen, in jeder Hinsicht.
      Ich wache wieder auf, frage Christel, wo wir jetzt wären. Ein unverständliches Grunzen aus ihrer tiefen Kehle, läßt in mir das Interesse daran sofort auf den Tiefpunkt sinken.
      Ab und zu träume ich, daß ich in einem startenden Flugzeug säße, das es einfach nicht schafft, abzuheben. Ich denke, daß Christel dann die 200km/h überschreitet. Aber keine Träume vom Heim, nicht die kleinste Kleinigkeit, das kommt sicher erst später, wenn ich alleine im Bett bin und niemand meine Albtraumschreie hört. Ich würde gerne davon träumen, wo ich vor ca 56 Jahren der Oberchef- oder chefin wäre. Dann würde ich sämtlichen Schwestern, die nur ein einziges Kind schief anschauten, die Hucke versohlen, die Haube vom Kopf reißen und rufen: Igitt, was für ein verfilztes Getrüpp auf der verlausten Hirnschale. Die Kinder bekämen von mir den Befehl, sich vor Lachen nicht mehr einkriegen zu dürfen. Aber den ganzen Tag durchgackern ist auch nicht gesund, denn sonst lachen sie irgendwann ganz um die Ohren und der Lachkreis schließt sich am Hinterkopf hinten wieder.
      Also würde ich die Zeit auf zwei Stunden begrenzen, schon weil beim Essen...mein Jüngster hat mit zwei Jahren einmal mitten im Essenschaufeln einen Lachanfall gekriegt. Ich habe nur kurz mitgelacht, denn bis Tisch, Küche und Fenster wieder einigermaßen sauber waren...Dieses kleine Ungeheuer kreischte nach dieser Renovierung weitere eineinhalb Stunden weiter. Seitdem hat er ein etwas breites Mundwerk
      Ich träume sowas offen und ehrlich, denn ich glaube, früher war das Prügeln noch nicht verboten. Das galt insbesondere für die Schwestern. Ich glaube sogar, es war Teil ihres Gelübdes, daß sie zweimal im Jahr sich geißeln mußten oder mit Hilfe einer anderen Person sich geißeln lassen mußten.
      Die Schwestern umgingen dieses Gelübde, indem sie die Geißelung auf die Kindern übertrugen, weil die waren ja noch jung und trotzdem ganz schön verdorben und hinterhältig. Insofern wurde das Gelübde von den Haubenträgern einfach weitergegeben. Nein, dumm waren sie nicht, die Bräute Jesu. Es war auch gottgefällig.
      Noch was fällt mir ein: Wir Kinder waren damals der Meinung, daß die Schwestern geschlechtslos waren. Sie mußten niemals auf die Toilette, höchstens um darin ein Kind zu verdreschen. Daß sie Pipi oder Kacka machen mußten, unmöglich das. Allein der Gedanke daran war Blasphemie. Wenn sie aßen oder tranken, taten sie nur so, als ob. Roland Grau, der ein Oberschluri war, meinte, das käme bei ihnen wieder aus den Ohren und Achselhöhlen raus in Form von geweihten Düften. Ich kann mich erinnern, daß diese Düfte ganz schön muffigen Charakter hatten, weil wir auch glaubten, sie wüschen sich niemals. Wozu auch? Unrat und Schmutz war schließlich die Eigenschaft der Kinder, nur ihnen vorbehalten.
      Nach einer Weile wache ich auf, weil ich mal Pipi muß. Ich frage sie, wo wir wären, aber das sehe ich auch schon so. Bei ihr habe ich gelernt: Hilf dir selbst, dann hilft dir Christel.
      An der A5, Raststätte Bruchsal mache ich besagtes. Vorher hat sie das Auto abgestellt, da, wo ein normal Sterblicher sein Gefährt niemals parkieren würde. Aber sag' ihr das mal, dröhnende Ohren wären das Ergebnis. Außerdem haben wir noch knapp eine Stunde miteinander zu fahren.
      Weiter geht’s. Ich krieg mulmige Gefühle, weil ich Nachts darauf um halbdrei aufstehen darf um bei der LKW- Autobahnbehinderungsaktion wieder mein Teil dazu geben muß.
      Das Gefühl erinnert mich daran, wie ich Erdzeitalter zuvor nachts ins Bett Pipi machte und panisch verzweifelt versuchte, mein Verbrechen zu vertuschen. Erfolglos. Die Verurteilung und Strafe erfolgte immer auf dem Fuß. Damals schwor ich mir, wenn ich mal groß bin, pinkel ich allen Schwestern ihre Betten voll. Gehe extra vorher zwei Tage nicht auf die Toilette. Leider habe ich es nur zur Bepieselung meines eigenen Bettes geschafft.
      An ein Schlafen ist nun nicht mehr zu denken, wir sind gleich da. Daß Christel wieder den falschen Autobahnzubringer nimmt, muß wohl nicht erwähnt werden. Ich schaue sie ganz leicht vorwurfsvoll an, sie fängt, ihre Lungen mit Luft vollzupumpen, um mir mit gewaltiger Tonlage ihren Standpunkt darzulegen. Es kommt nicht dazu, weil ich verschüchtert im meinen Sitz rutsche, gedankenverloren meine Fingernägel observiere, so, als ob sie in Bälde einer Beschneidung bedürften.
      Auch diese halbe Stunde Umweg nimmt ein Ende und wir erreichen Christel's Domizil.
      Was für ein Empfang durch Sofia und ihrem Freund, sehr herzlich, weil die haben in der Zwischenzeit, als wir weit entfernt Himmel und Hölle zurück beschworen, ihr Wohnzimmer renoviert. Komplett, Fußboden mit Laminat, Wände und Decken geweiselt und einiges mehr.
      So eine Tochter bzw. Sohn hätte ich auch gerne, die selbstlos und freiwillig in einer fremden Wohnung so eine Tat vollbringen. Meinen Kindern muß ich immer alles befehlen... ich war freiwillig bei der Bundeswehr...
      Christel kriegt sich kaum mehr ein und preist diese Leistung in alle Himmel, mit Recht auch. Mistlau ist für sie abrupt vergessen, Die Beiden, das Jungvolk, freuen sich riesig, daß sie sich so riesig freut. Sie zeigen es aber nicht, aber ich sehe es an ihren Gesichtern an. Sie waren ja auch nie im Heim.
      Ich entferne mich ohne großes Aufsehen, ich glaube, Christel hat es gar nicht bemerkt.
      Jetzt muß ich wieder selbst fahren aber ich nehme den richtigen Zubringer und 14 Minuten später bin ich daheim. Alleine. Ich genieße es.
      Als Heimkind warst du niemals alleine, aber jetzt...
      Ich wollt', ich könnte die Zeit zurückdrehen, nur für ein kleines Weilchen...57 Jahre... denn da wäre ich jetzt nicht alleine.


      Ende
      det hat das wonzelchen aber wirklich super fein geschrieben.
      selten habe ich einen so lußtigen aber auch tiefsinnigen beitrag hier und in dem anderen *piiiiieeeep* gelesen.
      vielen dank für diese schöne zeit die ich beim lesen verbringen durfte.

      achso, zu christel wollte ich eigentlich auch noch was schreiben, aber irgendwie trau ich mich das jetz nicht mehr. :D
      @wonzel,
      bei deinem letzten teil hatte ich noch mal ganz schön dolle gänsehaut, wie auch schon vorher..
      ich danke dir für diese zeilen, dafür, dass du einen einblick in deine gedanken und gefühle gewährt hast, und sie in wunderbarer weise formuliert und aufgeschrieben hast.
      sehr bewegend.

      und ich hoffe, du bist wieder gut <zu hause<angekommen..... ;)
      (christel natürlich auch...)
      Korrektur und Richtigstellung ;)

      Freitagabend. Ich bin fix und fertig. Meine Tochter hat sich vorgenommen unser Wohnzimmer zu streichen, , während ich auf dem Heimtreffen bin, deshalb habe ich alle Schränke ausgeräumt und die Möbel so gut es geht, mit ihr zusammen, in die Mitte gerückt. Abendessen findet auf dem Balkon statt. Allein das Durcheinander in meiner Wohnung lässt alle Kräfte aus meinen Armen weichen. Wie soll ich in diesem Zustand noch eine Tasche fürs Wochenende packen?
      Ich scheine doch etwas angeschlagen zu wirken, was meiner Freundin , die auch bei uns im Haus wohnt, aufzufallen scheint, denn sie lädt mich für den nächsten Tag zum Frühstück ein, damit ich vor der Abfahrt nicht auch noch Kaffeetassen suchen muss, die in irgendwelchen Umzugskisten in meinem Schlafzimmer versteckt sind. Ich rufe Wonzel an, um mit ihm die Abfahrtszeit zu besprechen, denn immerhin muss ich für meine Verhältnisse mitten in der Nacht aufstehen und mich seelisch und moralisch darauf vorbereiten, denn sonst ist das verschlafen vorprogrammiert.. Ich lade ihn zum Frühstück ein, damit er mir auf der Fahrt wohl gesonnen ist, denn wir müssen ja schließlich zwei Tage miteinander auskommen. Wonzel ist schon ziemlich aufgeregt Seine freudige Stimme die etwas höher klingt als sonst,, verrät mir, dass ich damit einen Volltreffer gelandet habe. Meine Freundin verspricht mich um 7 Uhr zu wecken, sodass ich nicht noch lange Batterien für meinen alten Wecker suchen muss. Auch gut., so kann der Tag positiv beginnen. Wie so üblich, komme ich wieder spät ins Bett. Zu viel gibt’s noch im Forum zu lesen und im Messi hat auch noch jemand Probleme, die noch vor dem Wochenende besprochen werden müssen. Als ich endlich zum Schlafen komme, fangen die Vögel schon an zu zwitschern. Das sagt mir, dass ich noch genau zweieinhalb Stunden Zeit habe zu schlafen. Um 7 Uhr wache ich von alleine auf, wie das so ist, wenn man einen aufregenden Tag vor sich hat. Schnell packe ich meine Utensilien zusammen, die ich für das Wochenende brauche. Nur die gebügelten Hosen nehme ich mit und zwei nicht zu ausgefallene T-Shirts, denn man will ja gut aussehen, wenn man Menschen trifft, die man vor 35 Jahren das letzte Mal gesehen hat. Auch nicht zu aufreizend, denn die Diakonissen sollen ja sehen, dass man nicht wie von ihnen prophezeit auf die schiefe Bahn geraten ist. Ich muss mir keine Mühe geben um meine Schminke zu finden, denn die hat meine Tochter beschlagnahmt, weil sie beim renovieren auch gut aussehen will, wenn ihr Freund kommt. Aber ich fahre ja ins Kinderheim, da braucht man keine Schminke, denn wir sollten ja immer so bleiben wie Gott uns geschaffen hat, haben wir da gelernt. Daran will ich mich halten, denn ich will ja auch nicht, dass die anwesenden Schwestern die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn sie mich sehen. Um zwanzig nach 7 unterrichte ich Wonzel, dass er nicht hetzen muss,denn meine Freundin hat sich nachdem sie verschlafen hatte, aufgemacht, um beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Sie kauft ein paar mehr, denn Wonzel hat immer großen Hunger, wenn er auf Reisen geht. Wonzel scheint das ganz gut zu passen, denn er meint:“ Gut, dann kann ich ja meine Liste noch mal durchgehn“. Ich denke: „Welche Liste?“ wir fahren doch ins Kinderheim und nicht auf die Seychellen. Egal, soll er das machen, so bleibt mir noch Zeit um in Ruhe mit dem Hund Gassi zu gehen. Das Frühstück ist gemütlich und Wonzel scheint gute Laune zu haben. Das ist wichtig, denn die nächsten zwei Tage können stressig werden und nichts ist schlimmer wie mit einem missmutigem Beifahrer auf Reisen zu gehen.
      Fortsetzung folgt
      Fortsetzung

      Um 9 Uhr schaut er mich auffordernd über seine Brille an und tippt mehrmals hintereinander, wortlos auf seine Armbanduhr. .Jetzt will er los. Das ist unmissverständlich. Kein Problem, ich bin ja schnell.
      Beim Auto angekommen steuere ich sofort auf die Fahrertüre zu, was einen fast entsetzten Gesichtsausdruck bei ihm hervorruft. „Du willst jetzt gleich fahren?“, fragt er, während er die Stirn runzelt. „Ja klar, erwidere ich und sitze schon hinter dem Steuer. „Wo ist dein Navi?“, frage ich, während ich die Automatikschaltung teste. „Die hab ich leider vergessen“, kommt von ihm etwas kleinlaut. „Na toll“, denke ich, „für was hat man denn so ein Gerät, doch nicht um sich gegenseitig zu besuchen“. Aber ich bin still, denn ich muss ja noch 2 Tage mit ihm auskommen. Schon bevor wir auf den Autobahnzubringer kommen, möchte er bestimmen, dass wir in Freiburg Mitte auf die Autobahn fahren. Weil er in Freiburg wohnt und das so gewöhnt ist, seit er denken kann wie Archimedes. Noch nie hat einer seiner Vorfahren eine Reise auf dem Zubringer Süd begonnen. Immer war es die Mitte. Ich entschließe mich, erst mit ihm darüber zu diskutieren, wenn wir auf der Autobahn sind. Es soll ja schließlich ein friedliches Wochenende werden. Wonzel führt mir sein Radio vor. SWR 1 , das Senioren und Bauernprogramm. Das gefällt ihm, weil er das schon immer gehört hat. Aber nicht so laut, denn da könnte man Ohrenschmerzen bekommen. Ich merke sehr schnell, dass es sinnlos ist, auf einen etwas fröhlicheren Sender umzuschalten, deshalb lasse ich ihn gewähren. Ich öffne das Fenster, damit der Klang der Autobahn und der Wind, der durch die Fensteröffnung heult, die Rentnerlieder übertönt. So ist beiden geholfen. Wie gut, das wir im Kinderheim Flexibilität eingeübt haben. Wir vertragen uns ausgesprochen gut, das merke ich daran, dass Wonzel schon nach ein paar Kilometer selig schläft. Er scheint unerwartet ein völliges Vertrauen in meine Fahrkünste zu haben. So muss es sein. Ich bin zufrieden, denn so kann ich ungehindert bis ans Ziel durchfahren. Auf halber Strecke wird er plötzlich wach und besteht darauf an einer Raststätte einen Kaffee zu trinken, weil er das immer da macht. Ich fände es zwar nicht nötig, aber gut, er soll ja auch seinen Spaß haben und gerne an die Reise nach Mistlau denken. Er ist ein Kenner der Autobahnraststätten, das merke ich sofort, denn er bewegt sich hier zwischen Toilette, Kaffeebar und Zapfsäule, wie in seiner eigenen Wohnung. Ich spüre einen Hauch von Stolz in mir aufkeimen. Stolz darüber, mit dem König der Straße unterwegs sein zu dürfen. Welch ein Erlebnis. Geschäftig serviert er mir einen Kaffee. Schwarz ist er und heiß wie die Sünde, die man in Mistlau versucht hat uns auszutreiben. Schnell kann man den nicht runterspülen, dafür sollte man schon eine Stunde mehr Reisezeit einplanen. Das tun wir dann auch, denn so einen liebevoll servierten Tankstellenkaffee bekommt nicht Jeder und der ist schon ein Erlebnis für sich. Außerdem hab ich ja noch die Möglichkeit, die verlorene Zeit wieder aufzuholen, indem ich den Motor seiner Limousine mal so richtig durchblase. Soll ja auch gut fürs Auto sein.


      Gleich gehts weiter

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      weiter gehts.....

      Die Erlebnispause ist zu Ende. Nach 100 km erreichen wir die Ausfahrt Kirchberg. Hier kenn ich mich aus, was Wonzel mir natürlich auf Anhieb nicht abnehmen will. Wir fahren in die kleine Stadt Kirchberg an der Jagst, die im Herzen Süddeutschlands, im Nordosten Baden-Württembergs nicht weit von der Grenze zum Freistaat Bayern liegt, da wo Haller und Hohenloher Ebene zusammenstoßen. Ich versuche diese Reise für Wonzel auch zu einem kleinen Bildungsurlaub zu machen und referiere kurz und gebündelt, speziell für ihn: Zu Kirchberg an der Jagst gehören neben der Stadt Kirchberg/Jagst 14 weitere Dörfer, Weiler, Höfe und Häuser. Die Stadtteile bilden gleichzeitig Wohnbezirke und mit Ausnahme des Stadtteils Kirchberg an der Jagst, Ortschaften im Sinne der baden-württembergischen Gemeindeordnung, mit eigenem Ortschaftsrat und Ortsvorsteher. Die Ortschaft Gaggstatt besteht aus den Wohnbezirken Gaggstatt, Lobenhausen und Mistlau, Hier ist unser Ziel. Hier haben wir unsere Kindheit verbracht. Wonzel zwar nur zweieinhalb Jahre, aber immerhin, es reicht zum mitreden. Das lässt er sich auch nicht nehmen. Er erinnert sich glasklar an die alte Mühle in die die Bauern immer ihr Getreide fuhren und ist plötzlich völlig euphorisch, als ich blind links darauf zusteuere. „Erstaunlich“ denke ich, „sein Langzeitgedächtnis ist noch vollständig intakt“. Ich ermuntere ihn seine Digitalkamera rauszuholen, damit er die Erinnerungen festhalten kann, aber dazu ist er zu erschöpft. Er schwört mir, dass er ein fotographisches Gedächtnis hat und so was wie eine Kamera, eigentlich gar nicht braucht. Ich denke :“fauler Sack“, lasse das aber erst mal so stehen und beschließe für den Rest der Reise, die Kamera an mich zu nehmen, um beim kleinsten Juchzer seinerseits, seine Erinnerungen fest zu halten. Er schwärmt in allen Farben vom alten Steinbruch in dem er als Kind Berge von Fossilien gesammelt hat. . „Angeber“ denke ich „du immer mit deinen Übertreibungen“. Ich erinnere mich zwar auch daran ,weiß aber noch ganz genau, wie demotivierend es damals war, wenn wir versucht haben die Fossilien, mit den bloßen Händen vom Stein zu entfernen, weil Schwester Irma der Meinung war, dass Werkzeuge nicht in Kinderhand gehörten. Das man für solche Dinge Hammer und Meisel erfunden hat, hat man uns natürlich nicht erzählt. Nur Glückskinder fanden damals herumliegende Fossilien und dazu gehörte natürlich unser Wonzel. Vielleicht hat er das auch nur gertäumt, während er neben mir im Auto selig schlief.
      Ich bemühe mich aufrichtig diesen Steinbruch zu finden, da wir ja auf den Spuren unserer Kindheit wandeln, doch die Zeit lässt es nicht zu, dass wir aussteigen und lange suchen. Ich habe noch diese grauenvollen und stundenlangen Gewaltmärsche von damals im Kopf, die wir damals immer schön in Zweierreihen, Tag für Tag machen mussten, um an unser Ziel zu kommen. Ich drehe um und Wonzel scheint damit einverstanden zu sein, dass ich nicht von ihm verlange, mir so ein Fossil mit bloßen Händen in schwindelerregender Höhe, als Souvenir von einem Felsklotz zu kratzen, täuscht mir aber größte Enttäuschung darüber vor, den Steinbruch doch nicht gesehen zu haben.Fortsetzung folgt
      Jetzt Wonzel, bin ich dran.............Du warst schon:D


      Wir fahren wieder Richtung Dorfmitte. Rechts und links der Straße grüßen uns die Bauern, so wie das schon vor 50 Jahren in Mistlau üblich war. Wonzel ist überzeugt, dass sie grüßen, weil sie ihn erkannt haben und wird gleich ein paar cm größer in seinem Sitz, neben mir. Auch als ich ihn vorsichtig darauf hinweise, dass die alten Mistlauer mich erkannt haben, da ich ja viel länger mit ihnen zusammen in einem Dorf gelebt habe, lässt er sich nicht davon abbringen dass der Gruß ihm gegolten haben kann, da er ja ehrwürdiger aussieht als ich, schon allein wegen seines höheren Alters.
      Im Heim angekommen treffen wir schon auf recht viele ehemalige Heimis, die alle im Hof stehen und sich gegenseitig mustern. Schüchtern wirken die Meisten und abwartend. Wir passen uns den Gegebenheiten an, damit wir nicht gleich auffallen. Ich entdecke natürlich zuerst Schwester Annchen, das frühere „Mütterchen“ von der Ehrenpreis-Familie. Sie ist in ihrer Tracht nicht zu übersehen und ich fühle mich sofort in frühere Zeiten versetzt. Sofort schaue ich, ob Wonzel auch anständig aussieht und seine Schuhe gebunden sind. Ganz wie früher. Er soll ja keinen Ärger kriegen. Aber Wonzel scheint die Schwester gar nicht zu bemerken, sie scheint ihm egal. zu sein. Er schaut sich vielmehr sehr aufmerksam die vielen grauhaarigen Männer an, in der Hoffnung doch irgendetwas Bekanntes an ihnen wieder zu entdecken, was ihn an frühere Zeiten erinnern könnte. Schwester Annchen scheint uns nicht zu erkennen und ich mache auch keine Anstalten auf sie zuzugehen. Das hat Zeit. Erst mal schauen, ob Bekannte da sind. . Keinen einzigen ehemaligen Heimi erkenne ich auf Anhieb, deshalb finde ich es auch in Ordnung, dass Wonzel erst mal darauf besteht, die Taschen ins Haus zu tragen. Ich habe unsere Zimmer reservieren lassen in denen wir als Kind geschlafen haben. Wonzel im Bubenzimmer der Heckenrosen und ich im Mädchenzimmer der Christrosen. Die Räume kommen mir sehr klein vor. Ca 10 qm Raum. Hier haben wir zu viert geschlafen. Zwei Betten rechts und zwei Betten links an der Wand. Dazwischen ein schmaler Gang um ins Bett gehen zu können. Ich genieße den Luxus,es heute als Einzelzimmer benutzen zu dürfen. Schön sind die Zimmer renoviert. Die vergilbten Wände von damals, wurden in ein zartes rosa getaucht. Eine Ecke des Raumes wurde abgerundet. Anthroposophisch eben!! Sonst ist alles beim Alten. Sogar die Fenstergriffe sind noch aus früheren Jahren und ich fühle, dass meine Fingerabdrücke noch irgendwo nachzuweisen sein müssten. Vielleicht etwas kleiner wie heute, aber einzigartig.
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