Nürnberg, Kinder-u. Jugendheim

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      nn-online.de/artikel.asp?art=984038&kat=10


      Nürnberger lebte sieben Jahre im Kinderheim Stapf
      Kindheit hinter Mauern - Gewalt und Erniedrigung
      Nürnberger lebte sieben Jahre im Kinderheim Stapf
      Foto: Eduard Weigert
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      Foto: Privat
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      NÜRNBERG - Viele Heimkinder litten in der Zeit des Wirtschaftswunders furchtbare Qualen. Zurzeit berichten Betroffene dem Bundestag von Gewalt und Erniedrigung. Der Nürnberger Hans Jürgen Hauf hätte einiges beizusteuern.

      Ein schönes Bild: Die Sonne scheint, eine lächelnde junge Frau führt einen blonden Vierjährigen an der Hand. Der Schatten von Mutter und Sohn fällt auf eine mannshohe Mauer, auf die sechs Reihen Stacheldraht gezogen sind.

      Tiefe seelische Wunden nicht zu heilen

      Das winzige Schwarzweiß-Foto aus dem Jahr 1961 ist auch ein schreckliches Bild: Hinter der abweisenden Mauer liegt das Kinderheim Stapf in St. Leonhard. Minuten nach der Aufnahme wird sich die hübsche Frau im Sommerkleid von ihrem kleinen Buben verabschieden, ihn in jenem katholischen Heim abliefern, in dem der heute 50-jährige Hans Jürgen Hauf die ersten sieben Jahre seines Lebens verbringen musste.

      Der ständig wiederkehrende Trennungsschmerz habe sich tiefer und tiefer in die empfindsame Kinderseele hineingefressen, hat der studierte Betriebswirt und Vater einer erwachsenen Tochter vor kurzem notiert. Den Leidensgenossen, die jetzt in Berlin öffentlich von ihren demütigenden Erfahrungen berichten, pflichtet er bei, «voll und ganz». Dass die von manchen geforderte finanzielle Entschädigung die tiefen seelischen Wunden heilen kann, glaubt er nicht.

      Was ist ihm und den vielen anderen Kindern in den 50er und 60er Jahren hinter der Mauer an der Leopoldstraße widerfahren? Der schmale Mann mit den dunklen Augen, der am Esstisch seines Einfamilienhauses in alten Fotoalben blättert, erinnert sich an überraschend wenig.

      «Vieles verdrängt»

      Die Gesichter von Erzieherinnen («zu denen hatten wir keinen Bezug»), von Kameraden, was gespielt und was gelernt wurde, ist aus dem Gedächtnis getilgt. «Ich habe viel verdrängt». Das Grausamste aber steht ihm noch klar vor Augen: Wer sich während des gemeinsamen Essens übergeben musste, wurde gezwungen, das Erbrochene danach wieder aufzuessen. Die Erzieherin, die ihn dazu zwang, habe er von ganzem Herzen gehasst. Auch der Stein, den der Junge einmal im Übermut über die Mauer warf, die das damals von den Niederbronner Schwestern geleitete Heim von der Außenwelt abschnitt, hatte unvergessene Folgen. Hans Jürgen Hauf bekam tagelang Zimmerarrest, musste allein im großen Schlafsaal bleiben. Ein Schuh, den er nicht wiederfand, hatte eine endlos währende Suche in der Schuhkammer zur Folge, wo der kleine Junge unter vielen Dutzend anderen Schuhen nach dem verlorenen fahnden musste. Essen habe es an diesem Tag nicht gegeben.

      Alle Heimkinder teilten die schlimme Erfahrung, von ihren Eltern getrennt, verlassen und unerwünscht zu sein. Es fehlte ihnen an Zuwendung, denn die Pädagogik der damaligen Zeit verlangte vor allem Anpassung und praktizierte Abschreckung. Hauf, der damals noch Muskat hieß und erst später den Namen seines Stiefvaters annahm, spricht von deprimierenden Abenden im Schlafsaal.

      Alle hatten Wackelsyndrom

      «Wir hatten alle das Wackelsyndrom.» Die Kinder wiegten vorm Einschlafen den Oberkörper oder den Kopf rhythmisch hin und her, ein Symptom, das als typisch gilt für Heimkinder, denen es an Liebe und Wärme mangelt. Er selbst habe sich dieses Schaukeln erst mit Anfang 20 abgewöhnen können.

      Wo war die hübsche junge Mutter, während ihr Sohn im Heim litt? Sie arbeitete in einem Nürnberger Kino als Platzanweiserin, hatte ihr Kind schon als Baby ins Kinderheim Stapf gebracht, nachdem sich Hans Jürgen Haufs Vater nicht zu ihm bekannt hatte. Der habe sechs Kinder von sechs Frauen gehabt, berichtet der Sohn, sei «ein Charmeur» gewesen.

      Folter und Glück zugleich - die Wochenendbesuche seiner Mutter haben sich Hauf in die Seele gebrannt. Vor allem der immer wiederkehrende Abschied sei unerträglich gewesen. Ihren schwarz-weiß-gesprenkelten Wollmantel, den er nach dem Abschied so oft von hinten sah, kann er haarklein beschreiben.

      1954 eröffnet

      Mit sieben entkam er dem Heim, das heute ein modernes heilpädagogisches Kinder- und Jugendhaus der Caritas ist und in familiären Kleingruppen Geborgenheit zu geben versucht. «Aufbewahrungsanstalt» nennt es Hans Jürgen Hauf rückblickend. 120 Säuglinge, 150 Kinder und 140 Jugendliche lebten in dem 1954 als «schönstes Jugendhaus Westdeutschlands» eröffneten Stapf-Heim.

      Evangelische und katholische Kirche Deutschlands haben sich längst pauschal für Auswüchse in ihren Heimen während der 50er und 60er Jahre entschuldigt. Der Runde Tisch unter Leitung von Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer soll nun das jahrzehntelange Schweigen beenden, den einst Gequälten Gehör verschaffen.

      Heimkind Hans Jürgen zog 1965 zu Mutter und neuem Stiefvater nach Reichelsdorf. Das Zusammenleben in der engen Zwei-Zimmerwohnung war problematisch, «ich war ein schwieriges Kind. Daheim der Bettnässer, draußen der wilde Bandenboss».

      Erinnerung an Kuss

      Die Erwachsenen begegneten ihm streng und ohne Zärtlichkeit, er wurde häufig geschlagen, der Ton war hart. Die brennende Erinnerung an einen Kuss, den seine Mutter dem nur scheinbar schlafenden Sohn gab, wühlt ihn noch heute auf. Schmusen, loben, jemanden umarmen, das hat er nie erlebt und gelernt, das kann er heute noch nicht. Seine Tochter habe das oft beklagt, sagt der 50-Jährige.

      Seit 20 Jahren ist er überzeugter Vegetarier, engagiert sich im Tierschutz. «So einer wie ich kann keinem Tier etwas tun», sagt Hans Jürgen Hauf; von Menschen sei er immer wieder enttäuscht und missverstanden worden: «Man merkt, dass man aneckt, dass man kein normaler Mensch ist.» Seine Gedanken seien oft bei denen, die nicht die Stärke hatten, ihre traumatische Kindheit zu überwinden. So viele wie er seien unter die Räder gekommen.

      Claudine Stauber
      14.3.2009
      nn-online.de/artikel.asp?art=998965&kat=10


      Stapf: Kleinkinder im Bett festgebunden
      Zeitzeugen berichten Grausamkeiten aus ihrer Zeit im Kinderheim
      Stapf: Kleinkinder im Bett festgebunden
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      Foto: privat
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      NÜRNBERG - Manche beschreiben in Leserbriefen «wunderschöne Erinnerungen« an das Kinderheim Stapf. Von Sadismus und schockierenden Grausamkeiten berichten dagegen fünf Betroffene, die Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre in dem katholischen Heim waren.

      Der NN-Bericht über die Erlebnisse des Nürnbergers Hans Jürgen Hauf («Kindheit hinter Mauern«) hat diese zwiespältigen Reaktionen ausgelöst. Immer mehr Menschen, die damals gelitten haben, melden sich jetzt zu Wort. Einige von ihnen sprechen überhaupt zum ersten Mal über eine schlimme Zeit, die sie geprägt hat.

      Erbrochenes sei ihr von einer der betreuenden Nonnen wieder in den Mund gestopft worden, berichtet Petra Stettner (alle Namen geändert), eine 54-jährige Frührentnerin. Während der Jahre, die sie von 1956 bis 1962 in der Leopoldstraße verbracht hat, seien ihre Hände oft zur Strafe auf heiße Ofenplatten gepresst worden.

      Sie sei in einem dunklen Keller gesperrt, geschlagen, an den Haaren gerissen und regelmäßig mit eiskaltem Wasser aus dem Duschschlauch ins Gesicht gespritzt worden. Kleinere Kinder seien regelmäßig mit Füßen und Händen in ihren Gitterbettchen festgebunden worden, das habe sie mit eigenen Augen gesehen.

      Objekt von Quälereien

      Einer der Niederbronner Schwestern, die sie «als Liebling und als Objekt« von Quälereien benutzt habe, wirft Petra Stettner sexuellen Missbrauch vor. Die Erzieherin habe sie beim Waschen so heftig berührt, dass es zu ständigen Scheidenreizungen gekommen sei. Die 54-Jährige hat bisher noch nie über ihre Zeit im Kinderheim gesprochen. Sie sagt: «Ich habe mich so sehr geschämt.«

      Irgendwann habe er sich das Weinen abgewöhnt, sagt Andreas Lotter (56), der 1960 als Achtjähriger in das katholische Heim in St. Leonhard kam und dort drei Jahre lang gelebt hat. Er sei dort und in den Heimen, in denen er später war, sehr hart geworden, so der gelernte Kfz-Meister. Er habe um sich herum eine emotionale Mauer aufgebaut, die noch niemand eingerissen habe.

      Der Mann erinnert sich an Schläge mit Handfegern und mit Kochlöffeln, an viele Stunden im Keller «bei Wasser und Brot«. Dass Kindern die Hände am Ofen verbrannt wurden, habe er gesehen, aber nicht selbst erlebt.

      «Ich hatte immer Hunger«

      Seine alleinstehende Mutter holte den Buben alle 14 Tage am Wochenende nach Hause. Deshalb hätten die Schwestern darauf geachtet, dass blaue Flecken und andere Spuren von Gewalt dann nicht mehr zu sehen waren. Auch er hat das Thema Heim nie ansprechen können. Nicht einmal seine Frau wisse davon. Lotter: «Erst durch den NN-Artikel ist das alles wieder hochgekommen.«

      Maria Weber, eine 49-jährige Sozialpädagogin, war mit zwei Brüdern im Kinderheim Stapf, weil ihre Mutter arbeiten musste. «Ich hatte immer Hunger, das war ganz normal«, berichtet sie. Das Essen habe häufig nicht gereicht, oder es fiel zur Strafe ganz aus. Ihr Zahnarzt, so die alleinerziehende Mutter, habe an ihrem Gebiss Schäden durch Mangelernährung diagnostiziert. Unterschiedlich fallen die Erinnerungen ans «Stapf« auch in ihrer eigenen Familie aus. Ein Bruder lasse nichts auf das Heim kommen, der andere habe massiv gelitten.

      Neue Kleidung und Spielzeug, das die Mutter ins Heim brachte, sei ihr und den Brüdern weggenommen worden. Eine Erinnerung, die auch die übrigen Betroffenen bestätigen. In der nahen Volksschule, die alle Heimkinder besuchten, habe man das Klischee des Heimkindes voll erfüllt. «Wir waren alle dürr, ich kam in Lumpen daher.« In der Schule sei das auch den Lehrern aufgefallen.

      «Warum ein kleines Kind ins Bett binden, weil es nachts aus dem Bett wandert?«, schreibt eine heute 55-jährige Heimbewohnerin, die von 1953 bis 1960 im Heim war. Sie lebt heute in Houston, Texas, und hält per Mail Kontakt zu den Ehemaligen. Sie habe oft so lange geschrieen und geweint, bis sie ihre Stimme verloren habe. Auch die Wahl-Amerikanerin spricht von Nahrungsentzug. Ihr Fazit: Sie sei den Schwestern nicht böse, man müsse vielmehr der Kirche böse sein, die solche Zustände «im Namen Gottes« zugelassen habe.

      Alle haben verkrüppelte Zehen

      Alle Betroffenen, die da im Wohnzimmer von Hans Jürgen Hauf zusammensitzen, haben verkrüppelte Zehen, weil sie als Kinder lange Zeit zu enges Schuhwerk tragen mussten. Und sie teilen, was sie «unsere Ticks« nennen. Maria Weber etwa kann geschlossene Türen nicht ertragen, daheim habe sie alle ausgebaut.

      Petra Stettner hat panische Angst vor Kellern und vor Spritzen. Der Grund: Eine der Nonnen habe sie unterm Tisch durch Stiche mit der Nähnadel bestraft. Er halte es nicht aus, wenn Schlüssel im Türschloss stecken, fügt Andreas Lotter an, der so oft eingesperrt wurde. Auch ein übersteigertes Gerechtigkeitsempfinden und die Unfähigkeit zur Zärtlichkeit seien gemeinsame Merkmale.

      Seelische Blessuren

      Seelische Blessuren und kleine Schwarzweiß-Fotos, das ist ihnen aus der Zeit im Heim geblieben. Für festliche Anlässe und den Fotografen seien die Buben und Mädchen fein ausstaffiert worden. Den heutigen Erwachsenen fallen auf den Bildern die ernsten Kinderaugen auf, mit denen sie damals in die Welt blickten. Andreas Lotter: «Wir sind eine totgeschwiegene Generation.« Das Leid jetzt endlich öffentlich zu machen, sei irgendwie erlösend.

      Literatur zum Thema: Peter Wensierski, Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. DVA Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006.

      Claudine Stauber
      9.4.2009
      nn-online.de/artikel.asp?art=998953&kat=10


      Stapf-Heimleiter: «Ich war überrascht«
      Franz Ochs über die Missstände von damals
      Stapf-Heimleiter: «Ich war überrascht«
      Heimleiter Ochs
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      NÜRNBERG - Das katholische Kinder- und Jugendhaus Stapf hat mit seinem Vorläufer vor 50 Jahren nur mehr den Namen gemein. Dennoch sucht man dort das Gespräch mit jenen Menschen, die im «Stapf« einst schwer gelitten haben. Fragen an den Leiter des Hauses, den Sozialpädagogen Franz Ochs (49).

      Herr Ochs, ehemalige Stapf-Kinder berichten von erschreckenden Misshandlungen und Quälereien. Sie haben mit ihnen gesprochen. Was war Ihre Reaktion?

      Franz Ochs: Ich war wirklich überrascht von all dem. Man muss das sehr ernst nehmen, die schlechten Erlebnisse wie die guten, von denen in Leserbriefen in Ihrer Zeitung auch die Rede war. Das alles liegt 50 Jahre zurück und es geht sicher nicht darum, heute Rechenschaft von uns zu verlangen. Dass die Menschen ihre Zeit im Heim ganz unterschiedlich wahrgenommen haben, ist ganz normal.

      Kinder wurden damals in den Betten festgebunden, in dunkle Keller gesperrt, bekamen nichts zu essen. Wussten Sie davon?

      Ochs: Bisher haben wir von derartigen Vorfällen nichts gewusst. Was derzeit am aktuellen runden Tisch des Bundestags zur Frage der «Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren« zur Sprache kommt, verfolgen wir bei der Caritas ebenso, wie das die evangelische Diakonie tut. Das Thema steht bei uns auf der Tagesordnung, ganz klar.

      Wie kann es ausgerechnet in einem christlichen Heim solche Brutalitäten gegeben haben?

      Ochs: Eine naheliegende Frage, an Christen hat man natürlich die Erwartung, dass sie es besser machen. Doch alle Akteure waren Menschen ihrer Zeit, das galt für konfessionelle wie für die staatlichen Heime.

      Was können Sie den Ehemaligen denn anbieten?

      Ochs: Sie werden demnächst das heutige Heim besichtigen, ich werde die damals sehr spärlichen Eintragungen über sie im alten Heimbuch fotokopieren und an sie weitergeben. Auch der Kontakt mit der heutigen Niederbronner Schwesternschaft in Neumarkt wird hergestellt. Die Bereitschaft zum Gespräch ist auch dort vorhanden. Ob die Betroffenen darauf eingehen und was sie sich davon erhoffen, ist noch offen.

      Glaubt man den Zeitzeugen, haben manche der Nonnen, die das Heim damals führten, ihren Schützlingen ein wahres Martyrium bereitet.

      Ochs: Diese Zeit muss gesamtgesellschaftlich in den Blick genommen werden. Sozialarbeit ist immer Auftragnehmer der Gesellschaft, das gilt auch für die Heimerziehung. Denken Sie nur daran, dass bis 1979 das Schlagen in den Schulen nicht verboten war. Die pädagogische Praxis ist seither eine grundlegend andere geworden.

      Was unterscheidet Ihr Haus heute vom damaligen Kinderheim Stapf?

      Ochs: Es hat seit den 70er Jahren eine umfassende Professionalisierung gegeben. Wir sprechen heute von Heilpädagogik, also von einer Erziehung, die etwas heilen soll und kann. Nach wie vor kommen die Kinder aus zerbrochenen Familien, die psychischen Probleme bei den Eltern nehmen spürbar zu, das Jugendamt schickt uns Kinder, die in ihren Familien gefährdet sind.

      Riesige Schlafsäle und Gruppen mit 28 Kindern sind Vergangenheit?

      Ochs: Wir haben heute familiäre Heimgruppen mit acht Kindern, die von insgesamt fünf Mitarbeitern betreut werden. Daneben gibt es die Kindertagesstätte mit integrativen Förderplätzen unter anderem für Behinderte, unsere Tagespflege und das Wohnheim für junge Menschen ab 18. Das Haus Stapf der Caritas betreut zurzeit 360 Kinder und Jugendliche.

      Interview: Claudine Stauber
      9.4.2009
      Danke, Christel, für die Einstellungen dieser schrecklichen Tatsachen und eine dieser tatsachen "Kleinere Kinder seien regelmäßig mit Füßen und Händen in ihren Gitterbettchen festgebunden worden" kann der Einsteller dieser zeilen in vollem bewußtsein seiner geistigen kräfte bestätigen und - er hat es nicht nur"mit eigenen Augen gesehen". er selbst war im alter von sechs jahren ein viertel jahr lang in einer orthopäd. klinik (wieso eigentlich?) und offenbar war das Mitte der 60-iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht nur in Heimen gang und gäbe. merkwürdig, es war zwar kein heim, in dem er sich da aufhielt, aber dennoch hat der schreiberling diese einrichtung nördlich von Berlin noch sehr sehr deutlich in Erinnerung und immer, wenn er so etwas liest, dann triggert etwas in ihm, denn: am hellerlichten tage im bett liegen müssen und zur strafe (wofür bloß?) mit Mullbinden an den Händen und Füßen stundenlang festgebunden sein, das "hat schon was" bleibendes. DAS ist ihm nicht einmal später, als er dann in einem "richtigen heim" leben mußte, passiert. :wd:

      Erinnerungen An Meine Kindheit Im Stapf

      Christel schrieb:

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      Nürnberger lebte sieben Jahre im Kinderheim Stapf
      Kindheit hinter Mauern - Gewalt und Erniedrigung
      Nürnberger lebte sieben Jahre im Kinderheim Stapf
      Foto: Eduard Weigert
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      Foto: Privat
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      NÜRNBERG - Viele Heimkinder litten in der Zeit des Wirtschaftswunders furchtbare Qualen. Zurzeit berichten Betroffene dem Bundestag von Gewalt und Erniedrigung. Der Nürnberger Hans Jürgen Hauf hätte einiges beizusteuern.

      Ein schönes Bild: Die Sonne scheint, eine lächelnde junge Frau führt einen blonden Vierjährigen an der Hand. Der Schatten von Mutter und Sohn fällt auf eine mannshohe Mauer, auf die sechs Reihen Stacheldraht gezogen sind.

      Tiefe seelische Wunden nicht zu heilen

      Das winzige Schwarzweiß-Foto aus dem Jahr 1961 ist auch ein schreckliches Bild: Hinter der abweisenden Mauer liegt das Kinderheim Stapf in St. Leonhard. Minuten nach der Aufnahme wird sich die hübsche Frau im Sommerkleid von ihrem kleinen Buben verabschieden, ihn in jenem katholischen Heim abliefern, in dem der heute 50-jährige Hans Jürgen Hauf die ersten sieben Jahre seines Lebens verbringen musste.

      Der ständig wiederkehrende Trennungsschmerz habe sich tiefer und tiefer in die empfindsame Kinderseele hineingefressen, hat der studierte Betriebswirt und Vater einer erwachsenen Tochter vor kurzem notiert. Den Leidensgenossen, die jetzt in Berlin öffentlich von ihren demütigenden Erfahrungen berichten, pflichtet er bei, «voll und ganz». Dass die von manchen geforderte finanzielle Entschädigung die tiefen seelischen Wunden heilen kann, glaubt er nicht.

      Was ist ihm und den vielen anderen Kindern in den 50er und 60er Jahren hinter der Mauer an der Leopoldstraße widerfahren? Der schmale Mann mit den dunklen Augen, der am Esstisch seines Einfamilienhauses in alten Fotoalben blättert, erinnert sich an überraschend wenig.

      «Vieles verdrängt»

      Die Gesichter von Erzieherinnen («zu denen hatten wir keinen Bezug»), von Kameraden, was gespielt und was gelernt wurde, ist aus dem Gedächtnis getilgt. «Ich habe viel verdrängt». Das Grausamste aber steht ihm noch klar vor Augen: Wer sich während des gemeinsamen Essens übergeben musste, wurde gezwungen, das Erbrochene danach wieder aufzuessen. Die Erzieherin, die ihn dazu zwang, habe er von ganzem Herzen gehasst. Auch der Stein, den der Junge einmal im Übermut über die Mauer warf, die das damals von den Niederbronner Schwestern geleitete Heim von der Außenwelt abschnitt, hatte unvergessene Folgen. Hans Jürgen Hauf bekam tagelang Zimmerarrest, musste allein im großen Schlafsaal bleiben. Ein Schuh, den er nicht wiederfand, hatte eine endlos währende Suche in der Schuhkammer zur Folge, wo der kleine Junge unter vielen Dutzend anderen Schuhen nach dem verlorenen fahnden musste. Essen habe es an diesem Tag nicht gegeben.

      Alle Heimkinder teilten die schlimme Erfahrung, von ihren Eltern getrennt, verlassen und unerwünscht zu sein. Es fehlte ihnen an Zuwendung, denn die Pädagogik der damaligen Zeit verlangte vor allem Anpassung und praktizierte Abschreckung. Hauf, der damals noch Muskat hieß und erst später den Namen seines Stiefvaters annahm, spricht von deprimierenden Abenden im Schlafsaal.

      Alle hatten Wackelsyndrom

      «Wir hatten alle das Wackelsyndrom.» Die Kinder wiegten vorm Einschlafen den Oberkörper oder den Kopf rhythmisch hin und her, ein Symptom, das als typisch gilt für Heimkinder, denen es an Liebe und Wärme mangelt. Er selbst habe sich dieses Schaukeln erst mit Anfang 20 abgewöhnen können.

      Wo war die hübsche junge Mutter, während ihr Sohn im Heim litt? Sie arbeitete in einem Nürnberger Kino als Platzanweiserin, hatte ihr Kind schon als Baby ins Kinderheim Stapf gebracht, nachdem sich Hans Jürgen Haufs Vater nicht zu ihm bekannt hatte. Der habe sechs Kinder von sechs Frauen gehabt, berichtet der Sohn, sei «ein Charmeur» gewesen.

      Folter und Glück zugleich - die Wochenendbesuche seiner Mutter haben sich Hauf in die Seele gebrannt. Vor allem der immer wiederkehrende Abschied sei unerträglich gewesen. Ihren schwarz-weiß-gesprenkelten Wollmantel, den er nach dem Abschied so oft von hinten sah, kann er haarklein beschreiben.

      1954 eröffnet

      Mit sieben entkam er dem Heim, das heute ein modernes heilpädagogisches Kinder- und Jugendhaus der Caritas ist und in familiären Kleingruppen Geborgenheit zu geben versucht. «Aufbewahrungsanstalt» nennt es Hans Jürgen Hauf rückblickend. 120 Säuglinge, 150 Kinder und 140 Jugendliche lebten in dem 1954 als «schönstes Jugendhaus Westdeutschlands» eröffneten Stapf-Heim.

      Evangelische und katholische Kirche Deutschlands haben sich längst pauschal für Auswüchse in ihren Heimen während der 50er und 60er Jahre entschuldigt. Der Runde Tisch unter Leitung von Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer soll nun das jahrzehntelange Schweigen beenden, den einst Gequälten Gehör verschaffen.

      Heimkind Hans Jürgen zog 1965 zu Mutter und neuem Stiefvater nach Reichelsdorf. Das Zusammenleben in der engen Zwei-Zimmerwohnung war problematisch, «ich war ein schwieriges Kind. Daheim der Bettnässer, draußen der wilde Bandenboss».

      Erinnerung an Kuss

      Die Erwachsenen begegneten ihm streng und ohne Zärtlichkeit, er wurde häufig geschlagen, der Ton war hart. Die brennende Erinnerung an einen Kuss, den seine Mutter dem nur scheinbar schlafenden Sohn gab, wühlt ihn noch heute auf. Schmusen, loben, jemanden umarmen, das hat er nie erlebt und gelernt, das kann er heute noch nicht. Seine Tochter habe das oft beklagt, sagt der 50-Jährige.

      Seit 20 Jahren ist er überzeugter Vegetarier, engagiert sich im Tierschutz. «So einer wie ich kann keinem Tier etwas tun», sagt Hans Jürgen Hauf; von Menschen sei er immer wieder enttäuscht und missverstanden worden: «Man merkt, dass man aneckt, dass man kein normaler Mensch ist.» Seine Gedanken seien oft bei denen, die nicht die Stärke hatten, ihre traumatische Kindheit zu überwinden. So viele wie er seien unter die Räder gekommen.

      Claudine Stauber
      14.3.2009


      Auch ich lebte im Kinderheim Stapf von 1974 bis 1978 im alter von 6 bis 10 Jahre.
      Als ich den oberen bericht leste kamen mir sehr viele Erinnerungen ins Gedaechtnis die auch ich nach Jahren verdraengte.
      Auch ich musste an den qualen leiden die wir von den Schwestern und den Erziehern erhielten.
      Z.B. Ich kan mich noch daran erinnern wer als letztes am Abend ins Bett ging dem wurde ein Holzklopf auf den Kopf geworfen oder bekam Schlaege.

      Ich wurde einen ganzen Tag an einem Stuhl festgebunden weil ich mein Essen nicht aufgegessen habe.
      Ich musste so lange dort festgebunden bleiben mit dem Essen vor mir bis ich den Teller aufgegessen habe.

      Als Kind kaute ich gerne an den Bleistiften. Als Strafe bekam ich fuer eine Woche lang als Abendessen 3 Bleistifte auf dem Teller und sonst nichts. Ich musste vor allen anderen Kinder waehrent des Abendessen and den Bleistiften kauen und wurde mit hungrigen Magen dan ins Bett geschickt.

      Auch fuer mich wahr es immer eine schlimme qual wenn mich meine Mutti am Sonntag wieder ins Heim brachte an dem Ort wo es keine Liebe gab. Auch ich bin ein Wackelkind und auch immer noch gibt es Naechte wo ich nur dann einschlafen kann wenn ich mich im Bett hin und her wackele.

      Es gab damals eine Erzieherin ihr name war Helga sie war vernarrt in einen Griechen und da ich auch Grieche bin war sie vernarrt in mich. Sie kam oft auf mich zu und kuesste mich auf den Mund.

      Einmal brachte mir meine Mutti eine volle Tuete mit Schokolade und Suessigkeiten mit und als ich Nachmittags nach den spielen im Hof nach der Tuete schauen wollte sah ich wie beide Erzieherinnen sich die Tuete an sich nahmen. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern was sie zu mir sagten aber ich kann mich daran erinnern das sie lachten wahrent Sie sich von meiner Tuete bedienten.

      Es gibt noch so viel worueber ich schreiben koennte aber da ich nicht weiss ob jemand das liest warte ich auf reaktionen und bin gerne bereit meine erlebnisse mit anderen betroffenen zu teilen.

      Mit Freundlichen Gruessen
      Nathen