Meine beraubte Kindheit

      ralf schrieb:

      ich kann nicht beurteilen, wer, in welchem Teil Deutschlands, bei der "Erziehung" von Kindern und Jugendlichen näher am Faschismus dran war. Ob die Altnazis in der Verwaltung der Bundesrepublik, oder die Altnazis bei den Kommunisten in der DDR.


      Die da können das -> deutschlandfunkkultur.de/ausst…ml?dram:article_id=399059

      Ausstellung "Geschichte der Kindheit im Heim"

      Der Macht der Erzieher ausgeliefert

      Von Vanja Budde

      Rechtlos, weggesperrt oder als billige Arbeitskräfte ausgebeutet – die Schau "Geschichte der Kindheit im Heim" beschreibt die Situation aus dem Blickwinkel der Kinder. Sie ist in Potsdam zu sehen und schlägt einen Bogen vom Kaiserreich bis in die 70er-Jahre.

      Das Gebäude des ehemaligen Großen Militärwaisenhauses ist heute eines der Wahrzeichens Potsdams und eines seiner größten geschlossenen Barockensembles. Preußens König Friedrich Wilhelm I. hatte das Waisenhaus 1724 gestiftet, als Erziehungs- und Ausbildungsstätte für Soldatenkinder und Militärwaisen. Die Kinder sollten hier Christentum, Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Dass sie auch menschliche Zuwendung, Zärtlichkeit und Vertrauen erfuhren, darf bezweifelt werden. So schilderte es auch der Sozialpädagoge und Therapeut Manfred Kappeler in seinem Eröffnungsvortrag:

      "Für jedes Mädchen und jeden Jungen war es zu jedem Zeitpunkt der Geschichte der Heimerziehung von existenzieller Bedeutung, ob das Leben im Heim ihm überwiegend Erfahrungen des Anvertrautseins oder des Ausgeliefertseins vermittelt hat."

      Die Gesellschaft schaute lange tatenlos zu

      Über Jahrhunderte hinweg waren Kinder im Heim der Gnade der Erwachsenen ausgeliefert: In den kirchlichen Findelhäusern des Mittelalters starben mehr als die Hälfte der Jungen und Mädchen schon im ersten Lebensjahr. Aber auch noch im 18. Jahrhundert im Militärwaisenhaus in Potsdam schufteten die Mädchen so hart für eine Klöppelfabrik, dass viele krank wurden. Elternlose Kinder waren rechtlos und die Gesellschaft schaute lange tatenlos zu. Öffentliche Kritik kam erst Ende des 18. Jahrhunderts auf, erklärt die Wohlfahrtshistorikerin Sabine Hering, Initiatorin und Kuratorin der Ausstellung:

      "Es gibt Aufbrüche, die durchaus zu fortschrittlichen Formen und menschenwürdigen Formen geführt haben, seit der Aufklärung, teilweise dann natürlich durch die Jugendbewegung Reformpädagogik. Und dann gibt es aber immer wieder Einbrüche, teilweise durch die Kirchen, die natürlich keine fortschrittliche und auch keine auf Eigenständigkeit und Individualität aufbauende Erziehung der Kinder unbedingt befürwortet haben."

      Die umfangreiche Schau im prächtigen barocken Treppenhaus des Militärwaisenhauses versucht die Situation in den verschiedenen Epochen aus dem Blickwinkel der Kinder und Jugendlichen zu beschreiben.

      Sie zeigt anhand vieler Textstellwände und weniger Exponate, wie die Industrialisierung dazu führte, dass Heimkinder als billige Arbeitskräfte verheizt, die ersten Gesetze zum Schutz der Kinder dabei untergraben wurden.

      "Dann gibt es die Erfindung der Eugenik, und damit war dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein ganz düsteres Kapitel eingeleitet, nämlich der Begriff der Verwahrlosung, der ja nichts Konkretes bedeutet, sondern so nebulös ist, dass jeder – Erzieherin, Erzieher, jeder Richter – das auslegen kann, wie es gerade nötig erscheint."

      Missliebige Kinder konnten so leicht weggesperrt werden, egal, ob sie Eltern hatten, oder nicht. Auf Schwarz-Weiß-Fotos aus den 20er-Jahren sieht man die angeblich Verwahrlosten kahl geschoren stramm stehen. Dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht.

      "Repressive Pädagogik" in beiden deutschen Staaten

      "Die haben die Eugenik sehr tatkräftig umgesetzt. Es gab Kinder- und Jugend-KZs und es gab natürlich auch die Euthanasie-Programme für sogenannte behinderte Kinder. Interessant ist, dass es eigentlich nach '45 nicht besonders reformiert weiterging. Die tatsächlichen roten Fäden der repressiven Pädagogik, die in vielen Heimen angewendet wurden, die zieht sich hin vom Kaiserreich bis in die 70er-Jahre."

      Und das in beiden deutschen Staaten. Der Kindheit in den Heimen der DDR ist in der Ausstellung ein eigener Abschnitt gewidmet. Studierende der Fachhochschule Potsdam haben dafür ehemalige Insassen des berüchtigten Jugendwerkhofs Torgau befragt, in dem gefängnisartige Zustände herrschten.

      Zeitzeugin: "Es war ja alles verboten. Man hat sich zwar durch die Zellentür mit dem Nachbarn unterhalten, wenn es einen gab, aber alles wurde bestraft."

      Zeitzeuge: "Die Erzieher hatten diesen Arrest selbst 'Hölle' genannt. Und für uns Kinder war es die Hölle."

      Für die angehenden Sozialarbeiter waren diese Begegnungen wichtige Erfahrungen, sagt die Studierende Anna Sporleder:

      "Wir konnten auf jeden Fall ganz viel von den Gefühlen und von den Emotionen, die wir während der Interviews hatten, reinstecken in Energie, um die Ausstellung hier vorzubereiten. Aber ich glaube, dass es halt ein Riesenunterschied schon ist. Wir sind da jetzt schon ein Riesenstück weiter."

      Tatsächlich seien Gewalt und Missbrauch heute in Heimen nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme, bestätigt die Kuratorin Sabine Hering:

      "Aber es gibt immer wieder auch Skandalfälle, wo man sagt: Warum hat da keiner hingeguckt? Warum erfahren wir das jetzt erst? Das gilt für den ganzen Bereich sexuelle Gewalt, der durch die Odenwaldschule relativ früh erst mal thematisiert, aber dann auch ganz schnell wieder unter den Teppich gekehrt wurde. Und die Frage der sexuellen Gewalt ist eigentlich bis heute zwar aufgearbeitet und es gibt eine Kommission und eine Bundesbeauftragte, aber eine Entschädigung haben die Opfer bis heute nicht bekommen."

      Obwohl viele von ihnen bis heute schwer traumatisiert sind, von ihrer "Kindheit im Heim".
      Die Ausstellung "Geschichte der Kindheit im Heim" ist noch bis zum 31. März 2018 zu sehen. Sie ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Stiftung "Großes Waisenhaus zu Potsdam", der Fachhochschule Potsdam und dem Filmmuseum Potsdam. Die Fachhochschule begleitet die Schau mit einer Vortragsreihe. Das Filmmuseum zeigt Filme zum Thema Heimerziehung.

      Neu

      Hier ist noch ein weiterer Artikel über die Austellung.
      Da der Artikel weiter griffige Informationen enthielt, füge ich ihn nochmal an.
      Nur dank dieser Informationen habe ich entdeckt, dass es Quatsch ist, dass die kriminellen Zustände in den Heimen erst in jüngster Zeit ('68 bzw. 2010) thematisiert wurden.
      Richtig ist:
      Zwischen 1906 und 1908 verstarben aufgrund von Misshandlungen in der Provinzial-Fürsorgeanstalt "Blohmesche Wildnis" bei Glückstadt fünf Jugendliche. Der Anstaltsleiter Colander hatte auf sadistischste Weise die Insassen gefoltert. In der Konzentration und Vielseitigkeit von Misshandlungen habe ich nichts ähnliches aus z.B. Torgau gelesen.
      Es gab ab 1909 mehrere Prozesse in denen die Schuld Colanders bestätigt wurde und er u.a. zu Zuchthaus verurteilt.
      Es gab zu der Zeit auch weitere bekannt gewordene schwerwiegende Fälle - wie z.B. der Fall des Pastors Breithaupt aus der Fürsorgeanstalt Mieltschin.
      BEIDE FÄLLE UND WEITERE WURDEN VON DEN PARLAMENTARIERN IM REICHSTAGS UND VON DER PRESSE AB 1909 THEMATISIERT - unter anderem von der SPD und dem später ermordeten Karl Liebknecht(KPD).

      pnn.de/potsdam-kultur/1232304/

      Das Leiden der Kinder
      von Holger Catenhusen

      Eine Ausstellung im Großen Waisenhaus widmet sich der Geschichte der Heimerziehung

      Die Melodie klingt wie eine Mahnung aus dem Off. Von ferne her ist sie sanft zu hören: „Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab ...“. So läuten es die Glocken auf der Potsdamer Plantage tagsüber zu jeder halben Stunde. Und so weht der Klang hinüber auch in das Große Waisenhaus.

      Dort erwartet die Besucher derzeit ein Kontrastprogramm zu Höltys Anweisung für ein gottgefälliges Leben: Im Treppenhaus unter der über den Dächern thronenden Caritas ist jetzt eine Ausstellung zu sehen, in der die historische Entwicklung der Heimerziehung beleuchtet wird. „Die Geschichte der Kindheit im Heim“, wie die Ausstellungsmacher die Schau betitelt haben, ist zugleich auch eine Geschichte von Gewalt und Unterdrückung, geschundenen Kinderseelen und flächendeckendem Versagen. Viele Heime waren Verwahranstalten, in denen militärischer Drill herrschte, sexuelle Übergriffe auf der Tagesordnung standen und der Kinderwille gebrochen werden sollte.

      Die Potsdamer Ausstellung zeigt vor allem die Entwicklung der Heime von der Kaiserzeit bis in die jüngere Vergangenheit. Einige Ausstellungstafeln widmen sich jedoch auch der Zeit davor. So erfährt man über das Potsdamer Militärwaisenhaus – das früher an jenem Ort angesiedelt war, an dem jetzt die Ausstellung zu sehen ist – , dass dort im 18. Jahrhundert die Mädchen unter schlechten Bedingungen für eine Kanten- und Klöppelfabrik arbeiten mussten, was schon damals Kritik hervorrief. Allgemein waren in den Heimen im 18. Jahrhundert die hygienischen Verhältnisse und die Gesundheitsfürsorge so schlecht, dass es in fast allen Waisenhäusern zu einer überdurchschnittlich hohen Sterblichkeit kam.

      Im deutschen Kaiserreich stand bei der Heimerziehung im Wesentlichen die „Verhütung weiterer sittlicher Verwahrlosung“ der Kinder im Vordergrund. Es gab zwar Reformansätze, doch „die angestrebte Pädagogisierung des Anstaltsalltags war gescheitert“, schreiben die Ausstellungsmacher. Aber völlig still blieb es nicht um diese Heime. Journalisten und sozialdemokratische Parlamentarier brachten einzelne Missstände an die Öffentlichkeit. In mehreren Gerichtsverfahren traten Verbrechen an den Schutzbefohlenen zutage. So hatte es beispielsweise vor dem Ersten Weltkrieg im heutigen Schleswig-Holstein in einem Mädchenerziehungsheim fünf Tote infolge von Misshandlungen gegeben.

      Auch in der Weimarer Zeit hörte das Leiden der Kinder vielerorts nicht auf – trotz reformpädagogischer Ansätze. Auch das Potsdamsche Große Waisenhaus, wie das Militärwaisenhaus mittlerweile hieß, sei von diesen Reformideen beeinflusst worden, so die Ausstellungsmacher. Hier habe nicht mehr die klassische repressive Struktur geherrscht, sagt Sabine Hering, emeritierte Professorin der Sozialpädagogik an der Universität Siegen. Die heutige Potsdamerin hatte die Idee für diese Ausstellung. Das Potsdamer Waisenhaus habe „nicht zu diesen berühmten Fürsorgehöllen der Weimarer Republik“ gehört, sagt Hering. Und doch wirken die damaligen Verhältnisse, auch in Potsdam, auf heutige Menschen recht befremdlich. So ist in der Ausstellung ein Foto von 1928 zu sehen, das Jungen des Potsdamschen Großen Waisenhauses beim Schuhappell zeigt: In einheitlicher Kleidung sind sie angetreten, in den Händen hält jeder ein Paar Schuhe, die Sohlen zur Begutachtung nach oben gekehrt. Einer der Jungen streckt einem Bediensteten die Sohle seines Schuhes, den er am rechten Fuß trägt, zur Überprüfung hin. Der Bedienstete scheint dabei etwas auf einem Papier zu notieren.

      In der Zeit des Nationalsozialismus machte die Tötungsmaschinerie im Dienste des Rassenwahns keinen Halt vor den Heimen im Reich. Von nun an wurde zwischen „lebenswertem“ und „lebensunwertem“ Leben unterschieden. Viele Heimbewohner wurden getötet oder sterilisiert.

      Wie stark Zöglinge in den Anstalten jedoch auch nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in Ost als auch in West litten, haben die politischen Diskussionen der jüngeren Vergangenheit gezeigt. Einzelne Zitate von ehemaligen Heimbewohnern, die in der Ausstellung zu lesen sind, verdeutlichen das Grauen. Leider vermisst man in der Schau bisweilen eine zeitliche und örtliche Einordnung jener Zitate.

      Die Heimkinder wussten häufig nicht einmal, warum sie in einer Anstalt gelandet waren. Misshandlungen und Erniedrigungen hätten in den westdeutschen Heimen bis in die 1970er Jahre hinein zum Alltag gehört, heißt es auf einer Ausstellungstafel. Auch die in den Anstalten vielfach praktizierte sexuelle Gewalt sei schon damals in „Fachkreisen“ bekannt gewesen, „aber es wurde nicht darüber geredet und geschrieben“.

      Geradezu unmenschlich ging es in der DDR im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zu. Hier sollten die eingelieferten Jugendlichen mit brachialen Methoden umerzogen werden. In der Ausstellung kommen ehemalige Insassen in einem Video zu Wort. Erschreckende Zeitzeugenberichte sind zu lesen.

      „Und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab“, heißt es im Text von „Üb immer Treu und Redlichkeit“. Wie fromm der Wunsch! Und wie bitter die Realität in jenen „Fürsorgehöllen“!

      „Die Geschichte der Kindheit im Heim“ ist bis zum 31. März 2018 montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr im Großen Waisenhaus zu sehen. Der Eintritt ist frei