Pressemitteilung

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      Pressemitteilung

      12.01.2017
      Presse­mitteilung



      Ergänzendes Hilfesystem: Opfer sexueller Gewalt können weiter Hilfe beantragen







      Auch das Land Nordrhein-Westfalen ist EHS beigetreten


      Wer als Kind oder Jugendlicher im institutionellen Bereich sexuell missbraucht wurde, kann weiterhin Leistungen aus dem Ergänzenden Hilfesystem sexueller Missbrauch (EHS) beantragen. Neben dem Bund haben viele Institutionen die Vereinbarung zur Beteiligung am EHS verlängert: die Evangelische Kirche in Deutschland einschließlich der Diakonie Deutschland, die Deutsche Bischofskonferenz, die Deutsche Ordensobernkonferenz, der Deutsche Caritasverband, das Deutsche Rote Kreuz, der Deutsche Kinderschutzbund, die Arbeiterwohlfahrt, die Freie und Hansestadt Hamburg sowie das Land Berlin. Zudem ist jetzt auch Nordrhein-Westfalen als 14. Bundesland dem EHS beigetreten.

      Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig
      betont: „Sexuelle Gewalt hinterlässt bei den Opfern tiefe Wunden, die -
      wenn überhaupt - nur schwer heilen. Menschen, die in der Kindheit oder
      Jugend sexuell missbraucht wurden, sind oft erst in der zweiten
      Lebenshälfte in der Lage, über ihr Leid zu sprechen und Hilfe in
      Anspruch zu nehmen. Ich freue mich sehr, dass neben dem Bund auch
      zahlreiche Institutionen und Länder die Antragsfristen verlängern
      werden. An die Beteiligten, die dies ablehnen, appelliere ich ihre
      Entscheidung zu überdenken. Dass immer noch Anträge eingehen, zeigt
      doch, wie wichtig es weiterhin ist, den Betroffenen zu helfen“, so Manuela Schwesig.

      Das
      EHS unterstützt Menschen, die als Kinder oder Jugendliche sexuellen
      Missbrauch erlitten haben und die heute noch unter den Folgewirkungen
      leiden. Das EHS geht auf Empfehlungen des „Runden Tisches sexueller
      Kindesmissbrauch“ (RTKM) zurück. Der Bund hat bereits zum 1. Mai 2013
      als ersten Teil des EHS den „Fonds Sexueller Missbrauch im familiären
      Bereich“ (FSM) errichtet. Die dafür geschaffenen Organisationsstrukturen
      werden auch im institutionellen Bereich, dem zweiten Teil des EHS,
      genutzt.

      Betroffene von sexuellem Missbrauch können
      Hilfeleistungen bis zu 10.000 Euro bei der Geschäftsstelle des FSM
      beantragen. Hilfeleistungen können allerdings nur dann gewährt werden,
      wenn sie nicht von anderen bestehenden Systemen, wie zum Beispiel der
      gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung, der gesetzlichen
      Unfallversicherung oder im Rahmen des Opferentschädigungsrechts
      übernommen werden.

      In den vergangenen Monaten war ein erhöhtes
      Antragsaufkommen festzustellen. Als Folge daraus hat sich die
      Bearbeitungszeit für die einzelnen Anträge verlängert. Deshalb soll das
      System jetzt umfassend weiter entwickelt werden, damit Betroffene die
      dringend benötigten Hilfeleistungen schneller erhalten können. Dazu
      werden zusätzliche Gremien zur Beratung der Anträge eingerichtet, die
      Aufgaben der Geschäftsstelle des FSM erweitert und die telefonische
      Erreichbarkeit ausgeweitet. Außerdem wird die Geschäftsstelle durch
      Neueinstellungen personell erheblich aufgestockt, um Weiterentwicklung
      und Neuausrichtung dauerhaft umsetzen zu können.

      Weitere Informationen zum Ergänzenden Hilfesystem finden Sie unter fonds-missbrauch.de
      https://beauftragter-missbrauch.de/presse-service/pressemitteilungen/detail/news/missbrauchsbeauftrag

      Expertise zu sexueller Gewalt an Minderjährigen mittels digitaler Medien vor







      17.01.2017












      Rörig fordert eine auf Dauer angelegte Agenda für digitalen
      Kinder- und Jugendschutz, mehr Forschung, Prävention und Hilfen bei
      sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mittels digitaler Medien
      und eine Versuchsstrafbarkeit für Cybergrooming: „In der aktuellen
      Debatte um die digitale Sicherheitsarchitektur müssen auch die sexuellen
      Cyberattacken gegen Kinder und Jugendliche in den Fokus genommen
      werden!“


















      © UBSKM

      v.l.n.r.: Rörig, Prof. Dekker, von Weiler













      Berlin, 17.01.2017. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, und Mitglieder der „Konzeptgruppe Internet“, einer interdisziplinären Arbeitsgruppe seines Beirats, stellen heute die vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) verfasste Expertise „Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien“ vor.

      Die Expertise unter der Autorenschaft von Prof. Peer Briken, Institutsdirektor am UKE, sowie Prof. Arne Dekker und Thula Koops,
      zeigt auf, wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch
      die digitalen Medien verändert hat. In dem gleichnamigen Fachgespräch „Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien“
      wird heute die Expertise mit über 100 Expertinnen und Experten aus
      Politik, Wirtschaft und des Kinderschutzes diskutiert. Ziel ist ein
      Dialog mit allen Verantwortlichen und Entscheidungsträgern, um einen
      wirksameren Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt
      mittels digitaler Medien zu erreichen.

      Rörig: „In der aktuellen Diskussion um Cybersicherheit und
      Digitalisierung der Bildungslandschaft fehlt ein zentraler Punkt: der
      Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt aus dem Netz wie
      beispielsweise durch Cybergrooming oder die unfreiwilligen
      Konfrontation mit sexuellem Bildmaterial. Diese Risiken müssen sehr viel
      stärker in den Blick genommen werden und dürfen nicht wirtschaftlichen
      und anderweitigen Interessen zum Opfer fallen. Es ist wichtig, jetzt zu
      adressieren, wer welche Verantwortung trägt und was unternommen werden
      muss, damit Mädchen und Jungen eine sichere Teilhabe an der digitalen
      Welt haben, ohne sexuellen Cyberattacken ausgesetzt zu sein!“

      Täter und Täterinnen nutzten die digitalen Medien strategisch und
      rigoros, so Rörig, um auf diesem Weg an Minderjährige heranzukommen.
      Rörig fordert deshalb eine Versuchsstrafbarkeit von Cybergrooming, um
      der Polizei ein aktives und effektives Vorgehen gegen diese Täter und
      Täterinnen zu ermöglichen und diese zu überführen.

      Julia von Weiler, Sprecherin der „Konzeptgruppe Internet“ und Vorstand von Innocence in Danger e. V.: „Digitale
      Medien und das Internet verändern das Phänomen sexualisierter Gewalt
      fundamental. Einer von drei Internetnutzern ist heute minderjährig und
      bereits 2014 besaß ein Viertel der 10 bis 11Jährigen in Deutschland ein
      Smartphone. Für Täter und Täterinnen ist das Smartphone das ultimative
      Tatmittel. Es erlaubt den beständigen, vielfältigen, unmittelbaren und
      ungestörten Kontakt zu Opfern. Um betroffene Mädchen und Jungen
      angemessen unterstützen zu können, müssen wir uns diesen Veränderungen
      stellen, um Strategien der Hilfe zu entwickeln.“

      Nur durch eine viel bessere Aufklärung zu digitalen Medien und den
      damit verbundenen Gefahren sexueller Gewalt, so Rörig, könnten Eltern
      und pädagogische Fachkräfte adäquat reagieren. Rörig sieht Politik und
      Anbieter von Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und Online-Spielen in
      der Pflicht und fordert eine auf Dauer angelegte Agenda für digitalen
      Kinder- und Jugendschutz. Die Online--Dienste sollten verpflichtet
      werden, geschützte Nutzungsräume für Kinder und Jugendliche zu schaffen,
      Beratungs- und Hilfsangebote für kindliche und jugendliche Nutzer auf
      ihren Seiten gut sichtbar einzustellen und niedrigschwellige
      Meldemöglichkeiten zu schaffen. Anbieter sollten sich selbst
      verpflichten, eingehende Hinweise an die Strafverfolgung oder
      Beschwerdestellen weiterzuleiten. Zudem brauchten die
      Strafverfolgungsbehörden sowie die psychosozialen und gesundheitlichen
      Hilfesysteme dringend eine bessere finanzielle und personelle
      Ausstattung.

      Alex Stern, Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten und in der „Konzeptgruppe Internet“:
      „Im Internet verschwindet nichts: Der Verdacht oder das Wissen darum,
      dass Dokumentationen der Gewalt gegen sie online kursieren, kann für
      Betroffene extrem belastend sein. Psychosoziale Unterstützer_innen
      übergehen oft die Rolle, die das Wissen darum für Betroffene spielen
      kann. Digitale Medien und das Internet schaffen gleichzeitig Freiheiten:
      Betroffene können sich vernetzen, sich gegenseitig unterstützen und
      unabhängig von anderen ihre Lebensrealität schildern und aufklären.“

      Die Expertise macht neben Gefahren und Risiken aber auch deutlich,
      dass die digitalen Medien wichtige soziale Erfahrungs- und Wissensräume
      für Kinder und Jugendliche sind, wenn Minderjährige dort entsprechend
      geschützt sind:

      Prof. Dekker, UKE: „Internet und digitale Medien stellen
      Kinder und Jugendliche vor eine Reihe von Herausforderungen und neuen
      Risiken – auch in Bezug auf sexualisierte Gewalt. Die neuen Gefahren
      dürfen einerseits nicht bagatellisiert werden, andererseits aber auch
      nicht dazu führen, der Mediennutzung junger Menschen pessimistisch und
      ausschließlich mit Verboten zu begegnen. Ziel muss es sein, jungen
      Menschen eine sichere Nutzung digitaler Medien zu ermöglichen. Hierfür
      muss auch mehr in Forschung und Aus- und Fortbildung investiert werden.“