Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

      .
      Die *weiterhin aufrechterhaltene Position* der verantwortlichen Schädiger der Heimkinder – hier präsentiert in sechs Teilen.

      ERSTE TEIL VON SECHS TEILEN ZU DIESEM THEMA.

      ( Hier, erst einmal, ein Vortrag von Prof. Dr. Manfred Kappeler - KOBLENZ )

      Prof. Dr. Manfred Kappeler


      SEITE 45-55 –
      »Überlegungen zum Umgang mit Vergangenheitsschuld in der Kinder- und Jugendhilfe«
      ( KOBLENZ, 05.03.2008 )
      @ http://www.afet-ev.de/aktuell/AFET_intern/2009/Expertenges-50er-60er.pdf
      ( aus einer Veröffentlichung [ eines „ExpertInnengesprächs“ ] von ingesamt 56 Seiten )


      Es geht in diesem Vortrag von Professor Kappeler primär um:

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte
      ( über den gesamten Zeitraum von 1945 bis 1991 in Westdeutschland )

      .
      Prof. Dr. Manfred Kappeler

      Überlegungen zum Umgang mit Vergangenheitsschuld in der Kinder- und Jugendhilfe

      In den fünfziger bis siebziger Jahren war die Heimerziehung/Fürsorgeerziehung das wichtigste Teilsystem der Kinder- und Jugendhilfe und zugleich sein Schluss-Stein, von dem her das ganze sogenannte „Vor-Feld“ bestimmt wurde.
      Das Unrecht, das Kindern und Jugendlichen in diesem System zugefügt wurde, ist nicht nur die Schuld einzelner Menschen. Diese Schuld betrifft die Vergangenheit der Bundesrepublik [ Deutschland ] insgesamt, einen großen Abschnitt ihrer Geschichte. Sie verdunkelt die nachfolgende Gegenwart und macht Vergangenheitsschuld zu einem generationenübergreifenden Thema in der Sozialen Arbeit.
      31

      Der juristische Schuldbegriff bezieht sich „auf Handlungen und Unterlassungen, die im Widerspruch zu Normen des geltenden Rechts stehen“, der alltägliche Begriff der Schuld bezieht sich auf die Verletzung anderer Normen, „Normen der Religion, der Moral, des Takts, der Sitte und des Funktionierens von Kommunikation und Interaktion. Beide Male wird an das eigene Verhalten eines Einzelnen angeknüpft und für den Schuldvorwurf vorausgesetzt, dass der Einzelne sich normwidrig verhalten hat, obwohl er zu normgemäßem Verhalten fähig war.“ (Schlink 2002, 12).

      Die Behauptung, die TäterInnen seien „Kinder ihrer Zeit“, sie handelten in Übereinstimmung mit den „gängigen Vorstellungen von Erziehung und mit dem vorherrschenden Bild von schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen“, sie hätten in der Heimerziehung/Fürsorgeerziehung nur die Erziehung praktiziert, die auch außerhalb der Einrichtungen in der Gesellschaft „üblich“ gewesen sei, bezweckt eine Generalamnestie, die das „System“ entlasten soll. Es kann nachgewiesen werden, dass es zu allen Zeiten, besonders aber in der Deutschen Nachkriegsgeschichte, eine entwickelte Kritik an menschenunwürdigen und unter sozialpädagogischen Gesichtspunkten kontraproduktiven Verhältnissen, Sichtweisen und Methoden gegeben hat. Es gab zu jedem einzelnen Kritikpunkt Verbesserungs- beziehungsweise Veränderungsvorschläge und es gab eine alternative Praxis, bis hin zu als Modelleinrichtungen zur Reform der Heimerziehung konzipierten Heimen. Die wissenschaftlichfachliche Kritik und die alternative Praxis als praktische Kritik können dokumentiert werden.
      Die Landesjugendämter als „Fürsorgeerziehungs-Behörde“ waren gesetzlich verpflichtet, die Minderjährigen, für die Fürsorgeerziehung angeordnet war oder freiwillige Erziehungshilfe vereinbart wurde, während der ganzen Zeit ihres Heimaufenthalts persönlich zu begleiten und sich über ihr Wohlergehen ständig zu informieren. Die kommunalen Jugendämter, die Kinder auf der Grundlage der Paragraphen 5 und 6 des Jugendwohlfahrtsgesetzes in Heimen „unterbrachten“, waren verpflichtet, sich über die Wirkungen der Heimerziehung auf diese Kinder auf dem Laufenden zu halten. Die Vormünder, die ihre Zustimmung zur „Unterbringung“ gaben, waren verpflichtet, ihre Mündel auch während ihres Heimaufenthalts zu begleiten, sich um ihr Wohlergehen zu sorgen und sie vor Schädigungen zu schützen.
      Da alle „unehelich geborenen“ Kinder bis in die siebziger Jahre hinein automatisch einen
      Amtsvormund bekamen und diese Kinder eine sehr große Gruppe in der Heim und Fürsorgeerziehung bildeten, trug das „Vormundschaftswesen“ insgesamt eine große Verantwortung für sehr viele Kinder und Jugendliche. Die Vormundschaftsrichter, die Fürsorgeerziehung anordneten, waren verpflichtet, die Jugendlichen anzuhören und sich ein umfassendes Bild von ihrer Situation zu schaffen. Die Jugendrichter, die im Wege eines Jugendstrafverfahrens Fürsorgeerziehung verhängten, waren verpflichtet, zu prüfen, ob die Anstalten, in die die Jugendlichen eingewiesen wurden, dem Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht gerecht werden konnten. Die öffentlichen und freien Träger der Heime [ Länder und Kommunen: Staat und Kirchen und sonstige Mitglieder der Wohlfahrtsverbände ] waren verpflichtet, für optimale Rahmenbedingungen (Zustand und Einrichtung der Gebäude, leibliche Versorgung der Kinder und Jugendlichen, Möglichkeiten zur Schul- und Berufsausbildung) und für eine das Wohl der Kinder achtende und die Belastungen aus ihrer Vergangenheit überwindende Erziehung durch qualifiziertes Personal Sorge zu tragen. Die Heimleitungen waren verpflichtet, für die Umsetzung der entwickelten erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Standards durch ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu sorgen und darauf zu achten, dass die Würde der Kinder und Jugendlichen durch „harte Erziehungsmaßnahmen“ nicht verletzt wurde. Die Erzieherinnen und Erzieher waren verpflichtet, in ihrem unmittelbaren Umgang mit den Kindern und Jugendlichen eine unterstützende und behütende Pädagogik zu praktizieren, im Geiste des Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Auf allen diesen Ebenen von Verantwortlichkeit haben sich Verantwortliche „normwidrig“ verhalten. Sie sind schuldig geworden, weil sie zu „normgemäßem Verhalten“, zu dem sie das geltende Jugendrecht und die in der Kinder- und Jugendhilfe auch damals schon entwickelten Standards verpflichteten.

      Gegen das ihnen in der Heimerziehung/Fürsorgeerziehung zugefügte Unrecht haben Kinder und Jugendliche zu allen Zeiten, also auch schon vor der Heimkampagne Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, Widerstand geleistet. Die Zeugnisse dieses Widerstands, diese Kritik an einer menschenfeindlichen „Schwarzen Pädagogik“ in Einrichtungen der Jugendhilfe“ müssen gesammelt und dokumentiert werden. Sie sind ein authentischer Beleg für das Unrechtssystem, für die Stimme der Opfer, die in der Fach- und allgemeinen Öffentlichkeit hätte gehört werden können, aber nicht gehört wurde. An diesem Punkt geht es um gesellschaftliche, historische Schuld, die analysiert werden muss. Es geht um die Offenlegung der Ideologien, Strukturen und Interessen, die dieses System produzierten und aufrecht erhielten und es geht darum, aus dieser Analyse für Theorie und Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe heute pädagogische und politische Konsequenzen zu ziehen:
      a) Bezogen auf die moralische und materielle „Wieder-Gut-Machung“ in der Form von vorbehaltloser Entschuldigung für das zugefügte Leid und materieller Entschädigung für zerstörte Lebenschancen und konkrete finanzielle Einbußen, zum Beispiel bei der Höhe der Rente.
      b) Bezogen auf die aktuelle Debatte über Geschlossene Unterbringung, Boot-Camps, jugendliche Intensivtäter, Änderungen des Jugendstrafrechts, Lob der Disziplin etc.

      Schuld haben nicht nur die unmittelbaren Täter, sondern auch die Verantwortlichen für das „System der Totalen Institutionen“ und alle, die Widerstand und Widerspruch unterlassen haben, obwohl sie dazu fähig waren. Die Grundlage für ihre Schuld ist die Norm: Verbrechen nicht nur nicht zu begehen und sich nicht an ihnen zu beteiligen und nicht von den Taten anderer zu profitieren, sondern ihnen mit Widerstand und Widerspruch entgegen zu treten. Das hat nichts mit „Kollektivschuld“ zu tun (vgl. Schlink a.a.O.).

      .

      [ fortgesetzt im nächsten Beitrag ]
      .
      ––––––––––––––––––––
      Eine Verhandlung oder ein Verfahren ohne QUALIFIZIERTEN juristischen Rechtsbeistand, Recht und Gesetz ist wie ein Gebäude ohne Fundament – ein Kartenhaus.

      Heimkinder appellieren an VATER STAAT und MUTTER KIRCHE Sühne zu tun:
      Ein Denkmal in Musik gesetzt

      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie bedarf ständiger Wachsamkeit.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von „Martini“ ()

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

      .
      Die *weiterhin aufrechterhaltene Position* der verantwortlichen Schädiger der Heimkinder – hier präsentiert in sechs Teilen.

      ZWEITE TEIL VON SECHS TEILEN ZU DIESEM THEMA.

      ( Hier, der Vortrag von Prof. Dr. Manfred Kappeler - KOBLENZ - fortgesetzt )

      [ Prof. Dr. Manfred Kappeler fährt fort ]


      .
      Die Angehörigen der nächsten Generationen in der Jugendhilfe, das wären auf jeden Fall alle Professionellen unterhalb des fünfzigsten Lebensjahres, sind weder TäterInnen noch TeilnehmerInnen oder NutznießerInnen des Jugendhilfeunrechts der dreißig Jahre nach Krieg und Faschismus in Deutschland, noch konnten sie diesem Unrecht durch Widerspruch und Widerstand begegnen. Dennoch sind sie aufgefordert, sich betreffen zu lassen und als Angehörige eines Hilfesystems und einer Profession, die das Unrecht an Kindern und Jugendlichen zu verantworten hatte, Kritik und Scham bezogen auf diese Vergangenheitsschuld zum Ausdruck zu bringen: Ihre Betroffenheit kann sich zeigen bei der Konfrontation mit allen Spuren dieser Geschichte der Jugendhilfe: Dokumenten, Berichten, vor allem aber in der Begegnung mit den Opfern, die sie nicht meiden sondern suchen sollten. Sie können dem Selbstgerechten und Selbstzufriedenen auftrumpfen, dem Verharmlosen, der zweiten Viktimisierung der Opfer, dem Sich-Herausreden mit der Rede „vom bedauerlichen Einzelfall“, an ihrem Arbeitsplatz, aber auch in der Fach- und allgemeinen Öffentlichkeit entgegentreten. Sie können auch die Selbstorganisation der Ehemaligen aus der Heim- und Fürsorgeerziehung unterstützen, zum Beispiel bei der Suche und Sicherung von historischen Materialien in den Institutionen der Jugendhilfe, besonders bei der Entdeckung und Sicherung von Akten der Jugendämter, des Vormundschaftswesens, der Gerichte, der Psychiatrie und der Heime beziehungsweise ihrer Träger selbst.
      Die Beteiligung der jüngeren Generation in der Jugendhilfe hat berufsethische Begründungen und ist ein Ausdruck des Respekts, der Wertschätzung, des professionellen Takts. Es gibt auch berufliche Anstandsregeln für die Fachkräfte in der Sozialen Arbeit.

      Die dominante Reaktion der Politik in Deutschland nach 1945, schreibt Bernhard Schlink, sei die umfassend praktizierte Strategie des „Aussitzens der schuldbeladenen Vergangenheit“ gewesen, in der Hoffnung, dass mit der Zeit die „Angelegenheit“ erledigt sein werde. Bezogen auf zeitgeschichtliche Vorgänge und Erfahrungen werde die „Halbwertzeit der Erinnerung“ immer kürzer. Es besteht die Gefahr, dass die Kinder- und Jugendhilfe der Gegenwart diesen Umgang mit der Vergangenheitsschuld wiederholt. Die Reaktionen auf die Initiative des Vereins der ehemaligen Heimkinder [
      VEH e.V.] und auf die Versuche einzelner Ehemaliger, für das erfahrene Leid Genugtuung zu bekommen, sind dafür ein bedrückendes Beispiel. Auch von Fachkräften der Jugendhilfe habe ich gehört, dass sie von alledem nichts wussten und sich nicht vorstellen können, dass es „so etwas“ in der demokratischen Bundesrepublik gegeben haben könnte. Systematische Missachtung der Menschenrechte und Menschenwürde von Kindern und Jugendlichen in der Geschichte der Bundesrepublik passt nicht in das Bild, in den Trend zur Herstellung einer bundesrepublikanischen Identität nach dem Untergang der DDR. Dafür ist nur das Unrecht der SED-Diktatur, auch auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendhilfe, speziell der Heimerziehung, nützlich und willkommen. Alle Versuche der Verharmlosung, der Minimierung, der Legitimation, und des Leugnens beziehungsweise Nicht-Wissens sind Bestandteile einer Identitätspolitik, die nicht zuletzt von Vergangenheitsschuld entlasten soll. Während diese Entlastung bezogen auf Krieg und Faschismus mit dem Hinweis, dass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erst danach und als Alternative zu dem Vor-Her begonnen habe, wofür regelmäßig als Beleg das Grundgesetz mit seinen die Menschenwürde schützenden Freiheitsrechten bemüht wird, bei den heute Gesellschaft und Staat tragenden Altersgruppen weitgehend funktioniert, wird das massenhafte Unrecht an Kindern und Jugendlichen innerhalb der nach-faschistischen, demokratisch verfassten Geschichte der Bundesrepublik zu einem wirklichen Problem für die Identitätspolitik; auch für die Kinder- und Jugendhilfe und darüber hinaus der ganzen Sozialen Arbeit. Diese Identitätspolitik versucht, den Zusammenhang von Schuld und Geschichte zu zerreißen. Aber dieser Zusammenhang lässt sich nicht zerreißen, er lässt sich nur verleugnen. Was für die Rechtswissenschaft nach 1945 die „Naturrechtsrenaissance“ (Schlink) als vermeintliche Alternative zum NS-Rechtspositivismus war, das war für die Soziale Arbeit die zentrale Kategorie „Hilfe“ und die Selbstdefinition als „helfende Profession“. Aber auch die eugenische bevölkerungspolitische Orientierung der Sozialen Arbeit bis 1945 und in Teilen darüber hinaus operierte im Zeichen der „Hilfe“. Mit dieser Selbstdefinition, die als das „Eigentliche“ der Sozialen Arbeit von den Anfängen bis zur Gegenwart verstanden wird, wird versucht, die Integrität der Profession gegen die historische Schuld zu setzen und damit diese zu leugnen.

      Rechtshistorisch gäbe es einen weitergefassten Begriff von Verantwortung, Haftung und Sühne als er in unserem juristischen Schuldbegriff enthalten sei, schreibt Bernhard Schlink. Das Problem liege darin, dass das kollektive Eintreten für eine Schuld, die lediglich individuell und subjektiv definiert wird, nicht vorgesehen sei und im Verantwortungs-Horizont nicht erscheine. Da für die Angehörigen der nachgeborenen Generationen, die Übernahme von Verantwortung für die Geschicke der Opfer nicht aus einem individuellen Schuldbegriff abgeleitet werden könne, müsse es, so Schlink, aus einem Verantwortungsbegriff beziehungsweise einem Verantwortungsbewusstsein hergeleitet werden, das sich mit der Verantwortung des Gemeinwesens für das Leiden der Opfer und seine „annäherungsweise Behebung“ ethisch begründen lässt. Im Opferentschädigungsgesetz, in der Arbeit des „Weißen Ringes“ kommt dieser Gedanke zum Ausdruck. Allerdings beziehen sich diese Ansätze nicht auf Unrecht, das Einzelnen oder Gruppen im Namen des Staats geschehen ist. Sie setzen immer den Einzeltäter und die Einzelfallprüfung voraus. Dass sich die politischen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland mit der Anerkennung und Entschädigung von Unrecht auseinander setzen müssen, das in ihrem eigenen Namen geschehen ist, wie es bei den ehemaligen Heimkindern/Fürsorgezöglingen der Fall ist, ist, soweit ich sehen kann, bislang noch nicht vorgekommen. Das erklärt meines Erachtens auch die politische Brisanz des Vorgangs. Es handelt sich um einen echten Präzedenzfall, dem weitere folgen können:
      Knastopfer, Psychiatrieopfer, Opfer des Pflegesystems.

      Bezogen auf das nationalsozialistische Deutschland und die DDR gibt es eine Reihe von Unrechtstatbeständen, für die politische und juristische „Lösungen“ gefunden wurden. Aber das waren in jedem Fall Opfer von Unrechtsstaaten, von Unrechtsystemen, von Staaten also, zu denen sich, wie gesagt, die Bundesrepublik Deutschland als Alternative und, historisch betrachtet, als deren Überwindung, nicht aber als deren Nachfolge betrachtet. Das genau ist das Problem. Die Heimerziehung in den vierziger bis siebziger Jahren als ein postfaschistisches System zu bezeichnen, das strukturell auf die Missachtung von Menschenwürde und Menschenrechten angelegt war, was wissenschaftlich unschwer zu belegen ist, wird von
      PolitikerInnen und Jugendhilfe-Verantwortlichen in der Regel mit Empörung zurückgewiesen (vor allem bezogen auf die von Jugendlichen geleistete Zwangsarbeit in der Fürsorgeerziehung), ebenso auch das Aufzeigen von Übereinstimmungen der Heimerziehung West mit der Heimerziehung Ost. In diesem historisch-politischen Abwehrsyndrom liegt neben der Angst vor Entschädigungszahlungen die Hauptbarriere. Sicherlich ist auch beides miteinander verknüpft: Die ideologische Abwehr dient der Legitimation der Ablehnung von finanziellen Forderungen der Opfer.
      Dem kann entgegengehalten werden, dass die Träger der Jugendhilfe (die öffentlichen und privaten) für die in ihrem Namen und ihrer Verantwortung geschehenen Unrechtshandlungen den einzelnen Opfern gegenüber haften müssen, weil sie eine Solidar- und Wirtschaftsgemeinschaft mit den einzelnen Heimen, in denen Kinder und Jugendliche geschädigt wurden, gebildet haben und ohne Unterbrechung dreißig Jahre lang aufrecht erhalten haben. Sie haben gemeinsam von dem Geschehen in den Heimen profitiert: ideologisch-politisch und materiell. Die Träger haben die Einrichtungen begünstigt und die Bestrafung der TäterInnen systematisch vereitelt. Das hat die historische Forschung inzwischen eindrucksvoll belegt. Vielleicht ist der Begriff „Staatsverbrechen“ hier angebracht. Da die Exekutive in Form der
      Landesjugendämter und Jugendämter immer beteiligt war, müssen hier in einem demokratischen System der Gewaltenteilung Legislative und Judikative die Haftung der Träger der Jugendhilfe politisch und rechtlich durchsetzen. Dabei liegt aus rechtlichen und aus Zeitgründen die Priorität zum Handeln bei der Legislative.

      .

      [ fortgesetzt im nächsten Beitrag ]
      .
      ––––––––––––––––––––
      Eine Verhandlung oder ein Verfahren ohne QUALIFIZIERTEN juristischen Rechtsbeistand, Recht und Gesetz ist wie ein Gebäude ohne Fundament – ein Kartenhaus.

      Heimkinder appellieren an VATER STAAT und MUTTER KIRCHE Sühne zu tun:
      Ein Denkmal in Musik gesetzt

      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie bedarf ständiger Wachsamkeit.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Martini“ ()

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

      .
      Die *weiterhin aufrechterhaltene Position* der verantwortlichen Schädiger der Heimkinder – hier präsentiert in sechs Teilen.

      DRITTE TEIL VON SECHS TEILEN ZU DIESEM THEMA.

      ( Hier, der Vortrag von Prof. Dr. Manfred Kappeler - KOBLENZ - fortgesetzt )

      [ Prof. Dr. Manfred Kappeler fährt fort ]


      .
      „Die Netze der Schuld“, schreibt Bernhard Schlink, „zu denen sich Handlungen derart verflechten, reichen weit. In ihnen verfängt sich nicht nur der Täter, sondern jeder, der zum Täter in Solidargemeinschaft steht und diese nach der Tat aufrechterhält.

      Gerade dieser Zusammenhang zeigt, dass sich der Schuldbegriff nicht nur an den Normen des geltenden Rechts, sondern auch an anderen Normen anknüpft.“ (Schlink 2002) An den schon erwähnten Normen der Religion und der Moral, des Takts und der Sitte sowie des Funktionierens von Kommunikation und Interaktion.
      Jede einzelne dieser Normen ist von
      den öffentlichen und privaten Trägern der Kinder- und Jugendhilfe massiv und dauerhaft in der Heimerziehung der fünfziger bis siebziger Jahre verletzt worden. Die weitgehend kritiklose Solidarität zwischen öffentlichen und privaten Trägern der Jugendhilfe im Falle der Heimerziehung/Fürsorgeerziehung richtete sich faktisch gegen Kinder und Jugendliche.
      Sie war selbst eine Norm, die dieses Verhältnis jahrzehntelang stabilisierte. Sie wurde kontrafaktisch und lernunwillig von den Verantwortlichen durchgehalten und konnte und kann nur durch massiven politischen Druck von außen (Heimkampagne in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren und gegenwärtig die Initiative der Ehemaligen mit breiter Medienunterstützung) aufgebrochen werden. Weil das so war, muss die Verantwortung für die Dominanz der Schwarzen Pädagogik in der Heimerziehung/Fürsorgeerziehung auch beiden, öffentlichen und freien Trägern gleichermaßen, zugerechnet werden. Diese Zurechnung resultiert nicht aus einer besonderen Moral. „Es sind die Regeln, nach denen Kommunikation und Interaktion funktionieren. Wenn Aufrechterhaltung und Herstellung von Solidarität nicht Aufrechterhaltung und Herstellung von Verantwortungsgemeinschaft, von Gemeinschaft des Tragens von Folgen und Vorwürfen ist, dann ist sie nichts.“ (Schlink 2002) Die in der Vergangenheit praktizierte unkritische Solidarität wirkt auch in der Gegenwart.
      Das Nicht-Verurteilen, Nicht-Lossagen, die Perpetuierung der Leiden der Opfer stiftet neue Schuld. Das Nicht-Lossagen, verstrickt in alte und fremde Schuld, und zwar so, dass es neue, eigene Schuld erzeugt. Ein Beispiel dafür ist
      ein Papier des „Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz“ aus dem September 2006, in dem für den Bereich der Katholischen Jugendhilfe „Sprachregelungen“ formuliert sind.
      Bezogen auf die nicht-sozialversicherte und nicht-entlohnte Zwangsarbeit heißt es da: „In den damaligen Heimen waren Kinder und Jugendliche nicht als Arbeitskräfte eingesetzt. Es war jedoch üblich, dass die in den Heimen lebenden jungen Menschen in der Garten- und Landwirtschaft mitgeholfen haben. Das entsprach in alle Regel dem Maß, wie es zu dieser Zeit auch in Familienhaushalten üblich war. In den damaligen Erziehungsheimen, in denen Jugendliche untergebracht waren, gab es eine Arbeitstherapie. Das Ziel war, Jugendlichen (ab vierzehn Jahren) zu helfen, einen Arbeitsplatz zu bekommen beziehungsweise ihren Arbeitsplatz behalten zu können. Damit diese Arbeitstherapie möglichst realitätsgerecht geschah, wurden auch Aufträge der Industrie ausgeführt. (…) Die Heime waren keine Wirtschaftsbetriebe, sie verfolgten vielmehr pädagogische Zwecke, die man heute im Rahmen der Gemeinnützigkeit ansiedeln würde. Die von den jungen Menschen erarbeiteten Erträge dienten ausschließlich der Finanzierung ihres Heimaufenthalts.“

      [ Es handelt sich hier um ein
      Strategiepapier der Bischofskonferenz – »Deutsche Bischofskonferenz - Bonn, den 13. Sept. 2006« : »Wahrscheinliche Fragen an die Kirche mit Bezug zur Problematik der ehemaligen Heimkinder und Antworten dazu (im Sinne von Sprachregelungen im kirchlichen Bereich)« ]

      Zum Umgang mit der eigenen Vergangenheitsschuld heißt es in diesem
      Papier:
      „Trotz allem Bedauern über das Schicksal einzelner ehemaliger Heimkinder können weder die Deutsche Bischofskonferenz als Ganze noch Kardinal Lehmann als der Vorsitzende eine grundsätzliche Entschuldigung aussprechen. Bei den beschriebenen Misshandlungen und Demütigungen handelt es sich um Verfehlungen einzelner Personen und um das Schicksal einzelner Menschen. Dafür können sich nur die damals Verantwortlichen selbst oder stellvertretend für sie die Leitungen der entsprechenden Einrichtungen oder Orden individuell bei den Betroffenen entschuldigen. Misshandlungen und Demütigungen von Kindern in Heimen können keiner Grundhaltung zugeschrieben werden, die durch die Kirche vorgegeben oder die von der Kirche gefordert worden wäre.“ Zu der erwarteten Frage „Wodurch unterschieden sich Heime in kirchlicher Trägerschaft von anderen?“ wird empfohlen zu antworten, „dass in kirchlichen Heimen nicht anders erzogen und mit Kindern und Jugendlichen umgegangen wurde, als in der damaligen Gesellschaft sonst auch. Die den Heimen heute oft zur Last gelegten strengen Erziehungsmethoden waren allgemein üblich und nicht besonders kennzeichnend für kirchliche Heime.“

      In solchen Formulierungen, die auch von Repräsentanten des Diakonischen Werks Deutschland und von Vertretern der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und der Jugendministerkonferenz zu hören sind, wird die Solidargemeinschaft mit den Tätern aufrecht erhalten. Bei den kirchlichen Organisationen wiegt das besonders schwer, denn sie haben in allen nachzulesenden Begründungen für ihre Dominanz in der öffentlichen Erziehung behauptet, dass gerade sie den besonderen auf Wertschätzung und Liebe gegründeten Werten des Christentums verpflichtet sind und sich darum besser als weltanschaulich neutrale Träger für die Erziehung vernachlässigter Kinder und Jugendliche eignen würden. In der katholischen und der evangelischen Theologie sind die Begriffe Schuld, Schuldbekenntnis, Demut und Buße von allergrößter Bedeutung. Die Repräsentanten der Kirche und ihrer Wohlfahrtsverbände zeigen von diesen christlichen Kardinaltugenden keine Spur. Sie müssen sich an ihren eigenen Ansprüchen messen lassen, aus denen ihnen eine besondere Schuld erwächst.

      .

      [ fortgesetzt im nächsten Beitrag ]
      .
      ––––––––––––––––––––
      Eine Verhandlung oder ein Verfahren ohne QUALIFIZIERTEN juristischen Rechtsbeistand, Recht und Gesetz ist wie ein Gebäude ohne Fundament – ein Kartenhaus.

      Heimkinder appellieren an VATER STAAT und MUTTER KIRCHE Sühne zu tun:
      Ein Denkmal in Musik gesetzt

      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie bedarf ständiger Wachsamkeit.

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

      .
      Die *weiterhin aufrechterhaltene Position* der verantwortlichen Schädiger der Heimkinder – hier präsentiert in sechs Teilen.

      VIERTE TEIL VON SECHS TEILEN ZU DIESEM THEMA.

      ( Hier, der Vortrag von Prof. Dr. Manfred Kappeler - KOBLENZ - fortgesetzt )

      [ Prof. Dr. Manfred Kappeler fährt fort ]


      .
      Die Glieder der Solidargemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe, die nicht durch eigene Taten schuldig geworden sind, müssen sich dennoch mit der Vergangenheitsschuld des Systems, das sie heute noch repräsentieren, auseinander setzen. Sie laden eigene Schuld auf sich, wenn sie auf den Vorwurf nicht dadurch antworten, dass sie sich von der fremden Schuld lossagen. Für diese Form der Verstrickung in Schuld gibt es in Deutschland ein Beispiel von historischer und epochaler Bedeutung: Dass die Deutschen, die vor 1945 nicht Täter und Beteiligte waren, indem sie sich danach von den Tätern und Beteiligten nicht losgesagt haben, zu Schuldigen wurden. Dass die Deutschen sich nicht oder nur halbherzig vom NS-System losgesagt haben, unterliege keinem historischen Zweifel mehr, schreibt Bernhard Schlink. Diese Tatsache hat im Umgang mit den Opfern der NS-Verbrechen in der Deutschen Nachkriegsgeschichte verheerende Folgen für die Opfer und für die politische Kultur in Deutschland gehabt. Ich will betonen, dass es mir bei diesem Vergleich nicht um die faktische Identität von NS-Jugendhilfe und Jugendhilfe der Bundesrepublik Deutschland geht, sondern um die strukturelle Übereinstimmung im Umgang mit Schuld und mit Opfern. Und noch ein Faktum ist hier von großer Bedeutung: Wir wissen, dass die Leiden, die Erfahrungen, die Traumatisierungen der Opfer sich in den Kindern der Opfer und in ihren Kindeskindern auf die eine oder andere Weise fortsetzen. „Oft sind sie auf ähnlich hilflose und verzweifelte Weise vom Leiden ihrer Eltern gezeichnet. Dass die Leiden der Opfer über zwei Generationen weiter wirken, ist ein weiterer Grund, der es verbietet, den so sehr gewünschten Schluss-Strich unter eine Geschichte der Vergangenheit zu setzen. Sie bleibt, ob wir das nun anerkennen oder nicht, eine Geschichte der Gegenwart.“ (Schlink 2002)
      Bezogen auf die NS-Täter trifft diese Verstrickung in Vergangenheitsschuld auch auf deren Kinder und Enkelkinder zu, die, so Schlink, ein schweres Erbe zu verarbeiten haben. Ob es auch Kinder und Enkelkinder von Jugendhilfe-TäterInnen gibt, weiß ich nicht.

      Wenn wir im übertragenen Sinne als solche, die Frauen und Männer des beruflichen Nachwuchses in der Jugendhilfe annehmen, haben wir Älteren meines Erachtens ihnen gegenüber zumindest eine Verantwortung bezogen auf die finsteren Zeiten der Professionsgeschichte, für die wir selbst noch Zeitzeugen sind, in denen wir auf die eine oder andere Weise Akteure waren. Diese Verantwortung haben auch diejenigen, die, obwohl sie Nachgeborene sind, heute leitende Funktionen in den Organisationen haben, zu deren historischer Kontinuität auch das Unrecht an den Kindern und Jugendlichen der Heimerziehung und Fürsorgeerziehung der Jahrzehnte nach 1945 bis in die siebziger Jahre gehört. Die Kinder und Jugendlichen, die in jenen Jahrzehnten in der Heim- und Fürsorgeerziehung leben mussten, sind heute überwiegend im Alter zwischen fünfzig und siebzig Jahren. Sie fordern mit Recht eine aktive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte, die auch die Geschichte der Jugendhilfe ist, und einen praktischen Beitrag zur Entschuldigung und Entschädigung. Die Kinder- und Jugendhilfe heute sollte auf allen Ebenen und mit allen ihren Funktionsträgern sich dieser Vergangenheitsschuld und den aus ihr resultierenden Forderungen ohne Vorbehalte stellen und damit auch einen wichtigen Beitrag zur politischen Kultur der Bundesrepublik heute leisten.

      Literatur:

      Zwei Fachzeitschriften mit Schwerpunktheften zum Thema:
      Jugendhilfe. Dezember 2007.
      Forum Erziehungshilfe. April 2008.

      Zum Umgang mit der Geschichte in der Sozialen Arbeit vgl. die Zeitschrift Widersprüche. Heft 101: Geschichten und Geschichte der Sozialen Arbeit. Zur Verstrickung der Sozialen Arbeit in Vergangenheitsgeschichte vgl. Kappeler, Manfred (2000). Der schreckliche Trau Arbeit. Marburg
      und
      Schlink, Bernhard (2002). Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht. Frankfurt am Main

      [ Fußnote ]
      31 Besondere Anregungen zu diesem Vortrag verdanke ich den rechtsphilosophischen Essays von Bernhard Schlink (2002).
      .

      AUCH VERÖFFENTLICHT @ http://veh-ev.eu/Kulturelles/Zum_Vertiefen/Ueberlegungen_zum_Umgang_mit_Vergangenheitsschuld.pdf


      Und zum besseren Verständnis und zum Abschluss des Ganzen, siehe und studiere dann auch unbedingt, diese Ergänzung:

      Prof. Dr. Manfred Kappeler
      [ ...auf einer Tagung eines Verbands des Diakonischen Werks... ]
      Vortrag auf der Fachtagung „Gegen unsere Ohnmacht im Umgang mit Gewalt“ des Bundesverbandes Evangelische Behindertenhilfe am 31. Januar 2011 in der Evangelischen Akademie Hofgeismar
      Gewalt und Fremdbestimmung in der Sozialen Arbeit in Deutschland im 20. Jahrhundert ( HOFGEISMAR, 31.01.2011 ) @ http://www.beb-ev.de/files/pdf/2011/dokus/gewalt/Referat_ProfKappeler.pdf ( insgesamt 18 Seiten )
      .
      ––––––––––––––––––––
      Eine Verhandlung oder ein Verfahren ohne QUALIFIZIERTEN juristischen Rechtsbeistand, Recht und Gesetz ist wie ein Gebäude ohne Fundament – ein Kartenhaus.

      Heimkinder appellieren an VATER STAAT und MUTTER KIRCHE Sühne zu tun:
      Ein Denkmal in Musik gesetzt

      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie bedarf ständiger Wachsamkeit.

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

      .
      Die *weiterhin aufrechterhaltene Position* der verantwortlichen Schädiger der Heimkinder – hier präsentiert in sechs Teilen.

      FÜNFTE TEIL VON SECHS TEILEN ZU DIESEM THEMA.

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte
      ( über den gesamten Zeitraum von 1945 bis 1991 in Westdeutschland )



      …und das offiziell sanktionierte Relativieren und Leugnen dieser Schuld…



      Strategiepapier der Deutschen Bischofskonferenz


      Facsimile / Transliteration / Niederschrift / Kopie


      .
      Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz --- Bonn, den 13. Sept. 2006
      BEREICH KIRCHE UND GESELLSCHAFT


      Warscheinliche Fragen an die Kirche mit Bezug zur Problematik der ehemaligen Heimkinder und Antworten (im Sinne von Sprachregelungen im kirchlichen Bereich)

      1.) Sind in katholischen Heimen der Jugendhilfe in der Nachkriegszeit Misshandlungen oder Missbrauch vorgekommen?

      Die kirchlichen Heime in der Nachkriegszeit hatten das Ziel, Kindern und Jugendlichen zu helfen. Sie boten eine Unterstützung, die damals sonst kaum von anderen Einrichtungen angeboten wurde. Viele der ehemaligen Heimkinder sind dankbar für diese Hilfe, die sie in diesen Heimen erfahren haben.

      In diesen Heimen hat es offenbar auch einzelne Mitarbeitende gegeben, die körperliche Gewalt bzw. Züchtigung als Mittel der Erziehung über das damals Übliche hinaus eingesetzt haben. Es ist nicht auszuschließen, dass es hier zu Fehlverhalten einiger Erzieherinnen oder Erzieher gekommen ist. Diese Fälle müssen – soweit noch feststellbar – aufgearbeitet werden. Wenn solche Gewalt stattgefunden hat, ist sie nicht zu entschuldigen. So weit es möglich ist, wird jeder Einzelfall mit der nötigen Sorgfalt und Sensibilität von der jeweiligen Einrichtung gemeinsam mit den betroffenen Personen aufgeklärt.


      2.) In wie vielen Fällen haben sich bisher ehemalige Heimkinder mit der Bitte um Aufarbeitung, Entschuldigung oder mit der Forderung nach Entschädigung an die Katholische Kirche gewandt?

      Zahlen darüber, wie viele ehemalige Heimkinder in Kontakt mit ihren früheren Heimen stehen, liegen nicht vor.

      Heime im Bereich der Katholischen Kirche waren in den 1950er, 60er und 70er Jahren vielfach in Trägerschaft von Kirchengemeinden, Stiftungen, kirchlichen Vereinen und Ordensgemeinschaften. In einigen Fällen waren Ordensfrauen oder -Männer auch in Heimen in kommunaler Trägerschaft tätig. Katholische Heime sind heute im Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e. V. (BVkE) zusammengeschlossen, der ein Fachverband des Deutschen Caritasverbandes ist.

      Laut BVkE gab es 1950 730 Einrichtungen der stationären Jugend- und Erziehungshilfe mit 55.127 Plätzen in Trägerschaft der deutschen Caritas. In ihnen waren 13.991 Kräfte tätig, darunter 7.991 Ordensleute. 1960 waren 705 Einrichtungen mit 51.574 Plätzen, von den 12.505 Beschäftigten waren 6.241 Ordensleute. 1970 befanden sich noch 567 Einrichtungen mit 43.742 Plätzen in kirchlicher Trägerschaft, unter den 13.371 Beschäftigten waren noch 5.126 Ordensleute. Im Vergleich zu diesen Zahlen sind die bisher bekannt gewordenen Vorwürfe gegen katholische Heime bzw. damals dort Beschäftigte zahlenmäßig sehr gering. [
      Hervorhebungen – MM ]


      3. Waren die Kinder und Jugendlichen in den kirchlichen Erziehungsheimen auch als Arbeitskräfte eingesetzt? Sollte ihnen diese Zeit als sozialversicherungsrechtlich relevante Zeit anerkannt werden?

      In den damaligen Heimen waren Kinder und Jugendliche nicht als Arbeitskräfte eingesetzt. Es war jedoch üblich, dass die in den Heimen lebenden jungen Menschen in der Garten- und Landwirtschaft mitgeholfen haben. Das entsprach in aller Regel dem Maß, wie es zu dieser Zeit auch in Familienhaushalten üblich war.

      In den damaligen Erziehungsheimen, in denen Jugendliche untergebracht waren, gab es eine Arbeitstherapie. Das Ziel war, Jugendliche (ab 14 Jahren) zu helfen, einen Arbeitsplatz zu bekommen bzw. ihren Arbeitsplatz behalten zu können. Damit diese Arbeitstherapie möglichst realitätsgerecht geschah, wurden auch Aufträge der Industrie ausgeführt.

      Im Übrigen zählte damals – auch in Familien – mehr noch als heute die Eingliederung in einen Tagesablauf mit regelmäßigen Arbeitszeiten zu den pädagogischen Mitteln im Rahmen der Erziehung.

      Die Heime waren keine Wirtschaftsbetriebe, sie verfolgten vielmehr pädagogische Zwecke, die man heute im Rahmen der Gemeinnützigkeit ansiedeln würde. Die von den jungen Menschen erarbeiteten Erträge dienten ausschließlich der Finanzierung ihres Heimaufenthaltes.

      Die Mitgliedseinrichtungen des BVkE stellen – soweit es gewünscht wird – Bescheinigungen über die Zeiten aus, in denen diese Arbeitstherapien stattfanden.


      4.) Müsste es nicht eine offizielle Entschuldigung der Katholischen Kirche oder ihrer obersten Repräsentanten bei den betroffenen ehemaligen Heimkindern geben?

      Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat bereits im Juni 2006 d. J. in einem Brief an Herrn Schiltsky, der den „Verein ehemaliger Heimkinder e. V.“ vertritt [ gemeint ist Michael-Peter Schiltsky, der seinerzeit – im Jahre 2006 – als bezahlte Bürokraft den „VEH e.V.“ vertrat – MM ], sein Mitgefühl und Bedauern über das ausgedrückt, was Herr Schiltsky in einem Schreiben aus Februar [ 2006 ] an Kardinal Lehmann vorgetragen hatte. Die von Schiltsky geschilderten Misshandlungen und Demütigungen seien sicher nicht mit dem christlichen Ethos von Fürsorge und Erziehung zu vereinbaren. [ Hervorhebungen und Ergänzungen – MM ]

      Kardinal Lehmann hat Herrn Schiltsky jedoch auch gebeten, bei der Beurteilung der damaligen Situation in den Heimen mit zu berücksichtigen, dass die Vorstellungen über die Erziehung von Kindern und Jugendlichen in der Zeit von 1950 bis 1975 weitaus restriktiver und autoritärer waren als heute.

      Trotz allem Bedauern über das Schicksal einzelner ehemaliger Heimkinder können weder die Deutsche Bischofskonferenz als Ganze noch Kardinal Lehmann als ihr Vorsitzender eine grundsätzliche Entschuldigung aussprechen. Bei den beschriebenen Misshandlungen und Demütigungen handelt es sich um Verfehlungen einzelner Personen und um das Schicksal einzelner Menschen. Dafür können sich nur die damals Verantwortlichen oder stellvertretend für sie die Leitungen der betroffenen Einrichtungen oder Orden individuell bei den Betroffenen entschuldigen. Misshandlungen und Demütigungen von Kindern in Heimen können keiner Grundhaltung zugeschrieben werden, die durch die Kirche vorgegeben oder die von der Kirche gefordert worden wäre.


      5.) Was hat die Kirche oder haben kirchliche Verbände bisher im Sinne der ehemaligen Heimkinder unternommen?

      Der Deutsche Caritasverband und sein Einrichtungsfachverband BVkE haben seit dem ersten Bekanntwerden der Vorwürfe mit allen Mitgliedseinrichtungen Vereinbarungen getroffen, dass den ehemaligen Heimkindern in der Aufarbeitung ihrer jeweiligen Lebensgeschichte jede nur mögliche Unterstützung gegeben wird. Dazu gehört, dass ihnen – soweit das Material heute noch vorhanden ist – ihre Akten zur Einsicht oder auch in Kopie überlassen werden.

      Verschiedene Einrichtungen innerhalb des BVkE stehen schon länger in Kontakt mit ehemaligen Heimkindern. Konkrete Vorhaben wie Ausstellungen in einzelnen Einrichtungen und Diskussionsrunden kommen hinzu. Die Mitgliedseinrichtungen werden darin bestärkt, Vereinigungen der ehemaligen Heimbewohnerinnen und –bewohner zu fördern. In vielen Einrichtungen bestehen solche Vereinigungen oder es gibt Tage, an denen die Ehemaligen zusammen kommen, oft seit vielen Jahrzehnten. Der BVkE hat dazu Beispiele zusammengestellt. Einzelne Einrichtungen des BVkE haben Publikationen zum Thema erarbeitet. (Beispiele und Publikationen können beim BVkE angefordert werden.)

      .

      [ fortgesetzt im nächsten Beitrag ]
      .
      ––––––––––––––––––––
      Eine Verhandlung oder ein Verfahren ohne QUALIFIZIERTEN juristischen Rechtsbeistand, Recht und Gesetz ist wie ein Gebäude ohne Fundament – ein Kartenhaus.

      Heimkinder appellieren an VATER STAAT und MUTTER KIRCHE Sühne zu tun:
      Ein Denkmal in Musik gesetzt

      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie bedarf ständiger Wachsamkeit.

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

      .
      Die *weiterhin aufrechterhaltene Position* der verantwortlichen Schädiger der Heimkinder – hier präsentiert in sechs Teilen.

      SECHSTE TEIL VON SECHS TEILEN ZU DIESEM THEMA.

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte
      ( über den gesamten Zeitraum von 1945 bis 1991 in Westdeutschland )



      …und das offiziell sanktionierte Relativieren und Leugnen dieser Schuld…



      Strategiepapier der Deutschen Bischofskonferenz


      Facsimile / Transliteration / Niederschrift / Kopie


      .
      Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz --- Bonn, den 13. Sept. 2006
      BEREICH KIRCHE UND GESELLSCHAFT


      Warscheinliche Fragen an die Kirche mit Bezug zur Problematik der ehemaligen Heimkinder und Antworten (im Sinne von Sprachregelungen im kirchlichen Bereich)

      6.) In Irland hat es einen Entschädigungsfonds für ehemalige Heimkinder gegeben. Wäre dies nicht auch eine Lösung für die Problematik in Deutschland? Sollte hier nicht ein Fonds eingerichtet werden – etwa analog dem Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter der NS-Zeit?

      Die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe unterscheiden sich zwischen Irland und Deutschland erheblich. Die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen ist in Deutschland durch gesetzliche Vorgaben auch schon in den Nachkriegsjahren streng geregelt gewesen. Der irische Staat hat eine exponierte Rolle bei der Einrichtung und Finanzierung des ENTSCHÄDIGUNGSFONDS in Irland gespielt. Vor diesem Hintergrund ist ein ENTSCHÄDIGUNGSFONDS, wie es ihn in Irland gegeben hat, in Deutschland wohl kaum vertretbar. [ Hervorhebungen – MM ]

      Zwischen der Heimkinder-Thematik und der Entschädigung von Zwangsarbeitern gibt es keinen sachlichen oder sonstigen Zusammenhang. These Themen sollten nicht miteinander vermengt werden. Bei der von den Nationalsozialisten eingeführten Zwangsarbeit ging es um die praktizierte Vernichtung von Menschenleben und Ausbeutung zur Befriedigung der Bedürfnisse vor allem der Rüstungsindustrie. Im Gegensatz dazu verfolgten die Heime der Jugendhilfe schon immer das Ziel, jungen Menschen in einer schwierigen Lebensphase zu helfen. [ Besonders diese Argumentation und diese Sprachregelung enthalten in diesem Strategiepapier der Deutschen Bischofskonferenz hat sich dann auch die evangelische Theologin Antje Vollmer, Schirmherrin am »Runden Tisch Heimerziehung« (2010/2011) an diesem »Runden Tisch« – dieser ihrer »Kleinen Wahrheitskommission« – zu eigen gemacht und lautstark verteidigt. – MM ]


      7.) In Irland spielte der Staat bei der Frage der Entschädigung ehemaliger Heimkinder eine große Rolle. Wie ist die Zuständigkeit des Staates in der Situation ehemaliger Heimkinder in Deutschland einzuschätzen?

      In Irland war und ist der Staat für die Einweisung von Kindern beziehungsweise Jugendlichen in diese Heime und für die Aufsicht über diese Heime zuständig. Deshalb hat der Staat dort eine hohe Verantwortung für die Situation in den Heimen übernommen.

      In Deutschland waren für die Einweisungen die kommunalen Jugendämter bzw. Landesjugendämter und für die Aufsicht über die Heime primär die Landesjugendämter zuständig. Ob in diesen Bereichen in Einzelfällen aus heutiger Sicht ein Fehlverhalten zu konstatieren ist, lässt sich nur nach Prüfung dieser Fälle sagen. Es besteht derzeit ein Kontakt zum Bundesministerium für Frauen, Senioren, Familie und Jugend (BMFSFJ) bezüglich der Klärung der Rolle des Staates im Zusammenhang mit den ehemaligen Heimkindern.


      8.) Gibt es auch positive Rückmeldungen von Seiten der ehemaligen Heimkinder?

      Die positiven Rückmeldungen sind weitaus häufiger als die Vowürfe. (Das geht u. a. aus Publikationen der Heime hervor, die beim BVkE abgerufen werden können.)

      In den Heimen, wo Vereinigungen der Ehemaligen bestehen, gehört das Erinnern und Reflektieren der Vergangenheit zum festen Bestand. Interessant sind in diesem Zusammenhang etwa auch die Gästebucheinträge auf den Webseiten von katholischen Heimen der Jugendhilfe. (s. zum Beispiel: Jugendwerk Rietberg; Jugenddorf Warburg; Kinder- und Jugenddorf Klinge u. v. a. m.)


      9.) Wie waren die Erzieherinnen und Erzieher in den Heimen der Kinder- und Jugendfürsorge im Bereich der Katholischen Kirche in den 1950er, 60er und 70er Jahren ausgebildet?

      Die Leiterinnen oder Leiter der Einrichtungen waren Theologen oder Jugendleiterinnen.
      IN den Gruppen oder Stationen mit oftmals 40 und mehr Kindern und Jugendlichen waren zumeist Ordensleute tätig, die in den meisten Fällen keine Fachausbildung hatten, sondern wegen ihrer Erfahrungen in der Jugendarbeit für geeignet galten, diese Aufgaben zu übernehmen. Es gab jedoch schon in den 1940er und 1950er Jahren große Unterschiede zwischen den einzelnen Heimen. Wenn in dem jeweiligen Haus ein Orden tätig war, der seinen Aufgabenschwerpunkt im Erziehungswesen hatte, war eine Fachqualifikation zumeist vorhanden.


      10.) Wodurch unterschieden sich Heime in kirchlicher Trägerschaft von anderen?

      Die Frage ist schwer zu beantworten, weil zum einen die damaligen Heime weit überwiegend in kirchlicher Trägerschaft standen, zum anderen oftmals auch die nicht von kirchlichen Trägern vorgehaltenen Heime von Ordensleuten geleitet waren. Es kommt hinzu, dass ethische Vorstellungen, das handlungsleitende Bild vom Menschen – wie dann eben auch die daraus resultierende pädagogische Praxis – in den 1940ern bis Ende der 1960er Jahre in nahezu allen Bevölkerungskreisen, auch konfessionsübergreifend, in etwa gleich waren.

      Daraus kann man den Schluss ziehen, dass in kirchlichen Heimen nicht anders erzogen [ und ] mit Kindern und Jugendlichen umgegangen wurde als in der damaligen Gesellschaft sonst auch. Die den Heimen heute oft zur Last gelegten strengen Erziehungsmethoden waren allgemein üblich und nicht besonders kennzeichnend für kirchliche Heime.

      .
      .
      [ Im ORIGINAL enthaltene Buchstabierungsfehler sowohl wie auch Formatierungsfehler von MM korrigiert und ausgebessert. ]
      .

      Das vollständige Strategiepapier kann gegen das ORIGINAL überprüft und damit verglichen werden. Das ORIGINAL ist hier als IMAGE archiviert worden:
      http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Blick_uber_den_Tellerrand_4/Sprachregelung_kath_Kirche_13092006.pdf
      .
      ––––––––––––––––––––
      Eine Verhandlung oder ein Verfahren ohne QUALIFIZIERTEN juristischen Rechtsbeistand, Recht und Gesetz ist wie ein Gebäude ohne Fundament – ein Kartenhaus.

      Heimkinder appellieren an VATER STAAT und MUTTER KIRCHE Sühne zu tun:
      Ein Denkmal in Musik gesetzt

      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie bedarf ständiger Wachsamkeit.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Martini“ ()

      Vergangenheitsschuld re der BRD-Jugendwohlfahrtsgeschichte --- re der nachkriegsdeutschen Heimerziehung

      .
      [ QUELLE: BUCHBESPRECHUNG ] @ http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/vergangenheitsschuld-r.htm [ Siehe ÜBER UNS @ http://www.lyrikwelt.de/ ]

      Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht.

      Buch von Bernhard Schlink (2002, Suhrkamp).

      Besprechung von Reinhard Mehring in der Frankfurter Rundschau, 11.11.2001:

      Die Wurzeln des Rechts in der Moral

      Bernhard Schlink versteht "Kollektivschuld" als den Unwillen, sich von der Schuld der Älteren loszusagen

      Warum drängt es Wissenschaftler gelegentlich in die Kunst? Mancher bedauert, dass die Fragen, die ihm einst auf der Seele brannten und in die Wissenschaft führten, mit deren Mitteln nicht beantwortet werden konnten. Philosophen drängt die Frage nach dem Sinn des Lebens dann in die schöne Literatur. Juristen suchen die Gerechtigkeit im historischen Roman. Bernhard Schlink ist ein angesehener Jurist, Ordinarius an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ließ aber nebenher nicht nur seinen Detektiv "Selb" über einige Fälle straucheln, sondern publizierte auch einen literarischen Welterfolg, in dem sich die reife Geliebte des jugendlichen Vorlesers als einstige KZ-Wärterin entpuppt. Die Scham über ihren Analphabetismus führte sie ins Verbrechen.

      Schlink erdichtete dafür ein anrührendes moralpsychologisches Charakterbild im Gewand einer reißerischen Sex-and-Crime-Story. Seine subtile wissenschaftliche Sicht der Schuldfrage lässt sich nun seinem Büchlein Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht entnehmen. Dieser Subtext zum Vorleser erkundet aktuelle Grenzen juristischer Vergangenheitsbewältigung. Schien der Dichter autobiografisch hinter dem jugendlichen Liebhaber zu stehen, so schreibt der Wissenschaftler aus der Perspektive des Juristen, der die juristische Bewältigung der DDR-Vergangenheit mit der Lage nach 1945 vergleicht.

      Schlink entdeckt die "Vergangenheitsschuld" einer politischen "Solidargemeinschaft" im Unwillen, sich von der Schuld der älteren Generationen loszusagen. Dieser Unwille verstricke die Nachgeborenen in neue Schuld. Das sei der "rationale Kern" jeder Rede von Kollektivschuld. "Vergangenheitsschuld" läge im Versäumnis, einen Schnitt zwischen sich und die Tätergeneration zu setzen. Schlink trennt zwischen Moral und Recht und markiert die Grenzen rechtsstaatlicher Bewältigung von Vergangenheit um der psychoanalytischen Erinnerung und moralischen Lossagung willen.

      Als Jurist kritisiert er alle Tendenzen zur strafrechtlichen Aufarbeitung im Namen eines übergesetzlichen "Naturrechts", besteht auf dem rechtsstaatlichen Rückwirkungsverbot ("Keine Strafe ohne Gesetz") und verweist auf die Verfassung als politische Ebene der Auseinandersetzung. Ist der rechtspolitische Sprengstoff der Fragen nach 1989 inzwischen auch etwas verstaubt, so zündet die Forderung nach einer "Erinnerungskultur" doch in der scharfen Kritik an der "Unfähigkeit der Staatsrechtswissenschaft zu trauern". Ketzerisch meint Schlink, die hohe Zunft der Juristen, die Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer, habe die moralische "Schuldfrage" durch die abstruse Behauptung verdrängt, dass es im Nationalsozialismus kein Recht und somit auch keine Staatsrechtslehre und Schuld gab. Hier übertritt Schlink bewusst eine "Taktgrenze" und spricht von einer "zweiten Schuld" der Zunft.

      Ein autobiografischer Epilog rundet das Bändchen ab. Es macht auf die Komplexität der juristischen Problematik aufmerksam und erinnert die Rechtskultur eindringlich an ihre Wurzeln in existentiellen moralischen Fragen.

      [ ...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Frankfurter Rundschau [ seinerzeit, 2001/2002
      http://www.fr-aktuell.de/ ] ]
      .


      Siehe auch folgende Rezension:
      Annette Weinke: Rezension zu: Schlink, Bernhard: Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht. Frankfurt am Main 2002, in: H-Soz-u-Kult, 25.08.2003,
      http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-3-119 .
      .
      ––––––––––––––––––––
      Eine Verhandlung oder ein Verfahren ohne QUALIFIZIERTEN juristischen Rechtsbeistand, Recht und Gesetz ist wie ein Gebäude ohne Fundament – ein Kartenhaus.

      Heimkinder appellieren an VATER STAAT und MUTTER KIRCHE Sühne zu tun:
      Ein Denkmal in Musik gesetzt

      Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie bedarf ständiger Wachsamkeit.

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von „Martini“ ()

      Schuld, bzw. die Zuweisung der Schuld legt doch nur fest, wer für ein Ereignis die Verantwortung hat. Sich nicht lossagen zu können bedeutet für mich die Übernahme der Verantwortung für etwas, was ich gar nicht mehr beeinflussen kann. Hier denke ich z. B. an die NS-Zeit. Man kann nur dafür sorgen, dass sich solche Situationen nicht neu bilden.

      Wir Heimkinder haben keine Schuld übernommen, sie wurde uns - übertragen. Das zeigt sich sowohl in den Vorurteilen uns gegenüber, als auch in der Art, wie man uns von Seiten des Staates bisher begegnet ist.

      Die Frage danach, wie der Einzelne damit umgeht, muss sich jeder selbst beantworten. Ich jedenfalls lasse mir keine Schuld für Situationen zuweisen, für die ich nicht verantwortlich bin. Die Entscheidung - Heimaufenthalt, sexueller Missbrauch usw. - wurde immer von Erwachsenen getroffen. Warum sollte ich die Verantwortung für deren Fehlentscheidung übernehmen?
      Tapferkeit ist das Vermögen und der überlegte Vorsatz,
      einen starken aber ungerechten Gegner Widerstand zu leisten.
      (Immanuel Kant)

      Der Ziellose erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es.
      (Immanuel Kant)

      Wir sind alle unschuldig geboren,basta.Die Kirchen,speziell die katholiche Kirche hat das Schuldgefuehl den Glaeubigen auferlegt so das man sie immer unter kontrolle behalten kann.Man erzaehlt den Menschen das sie Beichten muessen (Was fuer eine Dummheit) so das ein Mensch ihnen dann nach so vielen Gebeten vergeben kann.Abhaengigkeit das ist das alles.Wenn Du wirklich an einen Gott glauben willst kannst du das unter freien Himmel tun,so wie Jesus das getahn haben soll und brauchst keinen Menschen der sich in teure Gewaender in grossen Gebaeuden wandelt und dir Vorschriften macht aber selber in krimmineller Aktivitaet verwickelt ist.Hunderte von Paetefilen und aber tausende die noch nicht erkannt sind.Bin sebst so froh das jedenfalls bei uns die Kirche finanziell bluten musste denn wir haben wirklich eine Trennung zwichen Staat und Kirche und nicht eine Scheinheitliche wie bei euch.
      Kein wunder ich bin ein nichtglaeubiger.
      Die katholische Kirche hat nichts, was ich begehre. Gern stehe ich dazu, früher wirklich tief gläubig gewesen zu sein, heute hat sich das jedoch relativiert. Inzwischen bezeichne ich mich als Atheist. Für mich gibt es keinen Gott, der lenkend und richtungsgebend eingreift.

      Irgendwo habe ich mal die Frage gelesen, ob Gott sich die Ohren beim Urknall zugehalten hat. Ich - nein. Weder hört er die vielen Gebete und Bitten, noch sieht er das Elend auf der Welt. Scheinbar hat er wohl auch anderswo was abgekriegt - wenn es ihn überhaupt gibt.
      Tapferkeit ist das Vermögen und der überlegte Vorsatz,
      einen starken aber ungerechten Gegner Widerstand zu leisten.
      (Immanuel Kant)

      Der Ziellose erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es.
      (Immanuel Kant)

      Kliv
      Irgendwo habe ich mal die Frage gelesen, ob Gott sich die Ohren beim Urknall zugehalten hat. Ich - nein. Weder hört er die vielen Gebete und Bitten, noch sieht er das Elend auf der Welt. Scheinbar hat er wohl auch anderswo was abgekriegt - wenn es ihn überhaupt gibt.


      Wenn ich jetzt so vermessen wäre mir einzubilden, dass ich "zwischen-diesen-Zeilen" lesen könnte; ich würde dann stark vermuten, dass der Verlust des Glaubens eher noch schwerer wiegt, als die Tatsache, das 'man' uns als Kind dieses wunderschöne ( wohl aber nie dagewesene ), und so manchem von uns auch "mit-allem-Nachdruck" (!) 'näher' gebrachten Märchen hatte 'aufgetischen' können.
      Was bleibt also,,,,,,außer Zweifel ( und der vergeblichen Hoffnung auf "Erlösung" ) ? ? ? ? ?

      Eine Antwort darauf weiß ich leider auch nicht ! Die Lügen der "KIRCHEN" aber mag ich heute nicht mehr hören ! SIE , die durch ihr Tun / oder Unterlassung erst Kriege möglich gemacht haben - und Weltweit auch heute noch immer nur ihre eigenen Interessen ( ihren Machtanspruch ! ) vertreten.

      :horseapple: ,,,,,,,,,,Dann suche ich doch lieber meinen-eigenen-Weg !!! ,,,,,,,,, :horseapple:

      WO FANG' ICH AN,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,WO HÖR' ICH AUF ? ? ?

      AUCH DER LÄNGSTE WEG FÄNGT AN MIT EINEM KLEINEN SCHRITT !!!
      :horseapple:
      In einem katholischen Heim bleibt einem Kind nichts anderes übrig, als irgendwie gläubig zu werden. Später ist mir schon aufgefallen, dass da etwas nicht stimmen kann, denn egal, um was ich damals gebetet habe, irgendwie war ich immer außen vor.

      Endgültige Zweifel bekam ich bei einer Gegebenheit, bei der ich auf einem Pfarrfest lediglich eine Attraktion genutzt hatte (die Kleinen wurden immer bevorzugt). Als ich die Karte später abgegeben hatte, wurde ich ausgelacht und für blöd befunden. Kommentar; da hast du ja ein gutes Werk getan. Ab da war mir klar, einen Gott KANN es nicht geben.

      Der Verlust meines Glaubens wiegt meines Erachtens nicht so schwer, weiß ich doch, dass Menschen die Entscheidungen treffen. Das war früher schon so und ist es heute immer noch. Heute ist es halt nur so, dass sich meine Vermutung immer wieder bestätigt.
      Tapferkeit ist das Vermögen und der überlegte Vorsatz,
      einen starken aber ungerechten Gegner Widerstand zu leisten.
      (Immanuel Kant)

      Der Ziellose erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es.
      (Immanuel Kant)

      Es war der zweite Weltkrieg,Bomben hagelten vom Himmel in Leipzig konnte man das fackeln der flammen von dresden sehen.Das Heim war ein katholiches von Nonne gefuehrtes Heim.Alle Schwestern waren Krankenschwetern.Viele waren an der Ostfront und manche waren Kriegsverletzt.Die Kinder waren halb und voll Weisen und ich als evangeliches ( das einzige) wurde da untergebracht da mein Vater in den Hoelen im Harz an den V2 Raketen arbeitete.Wir hatten hunger und wenig Kleidung.und es gab auch Schlaege aber meist verdient.Ich kann nicht sagen das da jamand sexual genoetigt worden ist.Das Alter war so zwichen 5 und 14.Maedchen und Jungen.Unter den Damaligen Zustaenden ist es mir nicht schlecht gegangen.Meine Mutter hat auch nach dem Krieg die Nonnen ein oder zweimal im Jahre ein Hilfspaket geschickt mit sachen die sie in der DDR nicht bekommen koennten.
      Kliv,es gab da eine kleine Bibel die auf der rechten Seite Deutsch und auf der linken in Latein gedruckt war..Die hatte ich mir angeeignet und ich interressierte mich in andere Sprachen.In spaeteren Jahrenwar ich immer Gut im Latein,manchmal besser als der Lehrer und es gab mir eine Basis fuer Franzoesich und Spanich,sowie in der Wortsuche von english.
      Links Latein, rechts deutsch - wozu eine Bibel doch gut sein kann. Aus diesem Wissen Heraus Sprachen lernen :respekt:
      Tapferkeit ist das Vermögen und der überlegte Vorsatz,
      einen starken aber ungerechten Gegner Widerstand zu leisten.
      (Immanuel Kant)

      Der Ziellose erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es.
      (Immanuel Kant)


      Kliv
      wozu eine Bibel doch gut sein kann


      Nun, auch MEIN "Koran" , den ich vor Jahren von einem Muslim geschenkt bekommen hatte; natürlich mit der Auflage (!) mir - bevor ich ihn in 'Betrieb' nehmen würde - mir gründlich die Hände zu waschen ( so stehts auch geschrieben ! ); nun ja, dieser Koran dient mir heute als Stütze ; besser gesagt, meiner sehr alten, und auch schon in die Jahre gekommenden WERKZEUG - BANK, deren eines Bein mal von einem "guten Freund" etwas zu kurz abgesägt,,,,,,,dann nochmal gesägt,,,,,,und dann auch das dritte Mal und letzte Mal ( versucht !!! ) worden war, eine Wagerechte hin zu bekommen ,,,,,,,,,,und dann war es dieser Koran, der nun - ganz sachte unter das viel zu kurz geratene Holzbein der Werkzeugbank gelegt - das Ganze wieder in's "RECHTE-LOT" gebracht hatte (!!!) und so dann auch vermied, in irgendeiner Schublade zu 'versauern' !!

      >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>> "Dem Herrn sei Dank" <<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

      WO FANG' ICH AN,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,WO HÖR' ICH AUF ? ? ?

      AUCH DER LÄNGSTE WEG FÄNGT AN MIT EINEM KLEINEN SCHRITT !!!
      :horseapple:
      Gläubig.
      Ich war in meiner kindheit und als Jünling auf der such nach ein höheres Wesen.Meine Mutter die die Bibel Auswendig kannte (ich hatte immer meinen Spass wenn sie Zeugen Jehovas Einlud und sie mit ihren eigenen Bibelworte schlug) sie,die Bibel nichts Sagten.
      Ich habe immer gesagt,im Orient gibt es viele Märchenerzähler.Auch ist die Bibel Übersetzt worden vom Aramäischen in Latein.Die Päpste haben auch zu ihrer Wahrheitsfindung beigetragen.Es kann keiner Sagen,das ist die Wahrheit.
      Fast mein ganzes Leben war ich säkularer Jude. Aber je näher ich dem Lebensende komme, desto mehr habe ich das Bedürfnis zu graben, zu suchen und nach innen zu horchen.
      Hin und wieder - in der Synagoge - meine ich eine Ruhe zu spüren, die nichts mit mir zu tun hat, aber mich einlädt mit ihr in Verbindung zu treten. Ich kann das nicht anders erklären. Mir geht es dann so wie manchmal vor dem einschlafen - man zwingt sich den Schlaf abzuschütteln und es ist so schwer wieder aufzutauchen. Ich weiß nicht ob das die Sehnsucht nach Frieden und Ruhe ist, oder die Ahnung ihr nicht entgehen zu können. Aber es ängstigt mich nicht. Im Gegenteil. Man wird sehen und fühlen.
      Das Leben ist eine kurze Unterbrechung immerwährendem Fortseins