Gewalt und sexueller Mißbrauch im DAK-Kinderkurheim Luginsland in Todtmoos-Weg, späte 70er Jahre

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

      Gewalt und sexueller Mißbrauch im DAK-Kinderkurheim Luginsland in Todtmoos-Weg, späte 70er Jahre

      Als ich das erste Mal ca. 1973 oder 1974 in diesem Kinderkurheim war, wurde es von der Lungenfachärztin Dr. Liselotte Boedeker geleitet. Nach einem Brand 1974 wurde es von Hildegard Augustinski gekauft und renoviert. Später war es ein Eltern-Kind-Kurheim, heute ist es ein Hotel.

      In den späten siebziger Jahren war dieses Haus ein Kinderkurheim der DAK mit teilweise erheblichem Ausmaß von Gewalt unter den Kindern. Damals lebte hier auch ein ca. 12 Jahre altes geistig behindertes Mädchen mit dunklen glatten Haaren und Brille, und manche Kurkinder machten sich einen Spaß daraus, es zu überreden, sich nackt auszuziehen und mit den anderen Kindern Fangen zu spielen. Da war dann große Gaudi und Geschrei, weil das auch etwas gruselig war, und irgendwann kam jemand und unterband die Sache.

      Unter den Kurkindern gab es unglaubliche Drangsalierungen und auch sexualisierte Gewalt. In den Zimmern spielten manche Kinder nicht "Doktor", sondern "Puff". Zu den Drangsalierungen von Kindern gegen Kinder gehörte es auch, dem anderen die schweren Garten-Wurfpfeile genau auf die Fußspitzen zu werfen. Manche Kinder verlegten ihre sechs Wochen hier in permanenter Angst. Mindestens einmal wurde hier ein Kind mit Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen.

      Auf einer der Wanderungen erlebte ich einmal mit, wie ein eher harmloses Kind von zwei oder drei anderen festgehalten wurde, während ein anderer Junge mehrere lange Brennessel-Ruten holte, mit denen das Kind dann systematisch gequält wurde. Ich bin ziemlich sicher, daß ich das direkt einer Betreuerin gesagt habe. Die Betreuerinnen waren ca. 17 bis 20 Jahre alt und haben auch auf konkrete Hinweise einen eher schwachen und orientierungslosen Eindruck gemacht. Die Heimleiterin Hildegard Augustinski hatte keinen Blick für die Vorgänge, ich habe sie als unsympathische und strenge Person in Erinnerung, die anderes im Kopf hatte. Eine Betreuerin hatte eine grüne Schirmmütze mit dem Sprite-Schriftzug, und wir scherzten, daß sie wohl von einer Tankstelle sei. Die Zimmer hatten Namen und entsprechende Motive an der Tür, danach wurden auch die Kinder zugeordnet.

      Es gab eine Menge Spiele, Aktivitäten, Ausflugsfahrten und ausgedehnte Wanderungen in die sehr schöne Umgebung von Todtmoos und (zu Fuß) auch in den Ort. Als ich bei einer Schnitzeljagd ein paar Papierstückchen in einen Briefkasten geworfen hatte, stellte mich ein älterer Todtmooser Bürger zur Rede und hielt mir einen Vortrag darüber, daß man in einen Briefkasten keine Papierstückchen werfen darf. Unser Geld wurde natürlich einkassiert, wir bekamen damals wochenweise immer nur einen Teil davon, das wurde auch genau aufgeschrieben. Als ich dort für sechs Wochen abgegeben worden war, gab es eine Gruppe von Kindern aus dem Raum Darmstadt, die eher in ein Erziehungsheim gehört hätten. Einer von denen war mal bei einer Wanderung verschwunden und wurde dann von der ganzen Kindergruppe lautstark gerufen. Der erzählte einmal, er habe in einem anderen Kinderheim, in Sankt Peter Ording, einem Mädchen mal einen Finger "in die Futt" gesteckt.

      Ich kann mich noch gut erinnern, daß wir mal die Mittagsruhe auf dem langgezogenen, sonnenwarmen Holzbalkon machten und dabei Comics lasen. Ein Junge mit dicklicher Statur roch aufdringlich nach Fisch aufgrund mangelnder Hygiene. Ich weiß auch noch, wie wir uns in einer Reihe anstellten und jedes Kind aus einer großen Nivea-Dose eine Portion ins Gesicht bekam und dann verreiben sollte. Die Zimmer waren mit vier Stockbetten (also für jeweils acht Kinder) eingerichtet. Die gewaschenen Kleidungsstücke wurden in einer Art Plenum hochgehalten und man mußte sich melden - schwierig, wenn man seine Sachen nicht genau wiedererkannt hat. Neben den üblichen Comics waren die kleinen "Tramp"-Bücher von Pelikan ein großes Thema, denn es gab diese Bücher zu sehr vielen verschiedenen Themen. Ich hatte mal eins in der Hosentasche vergessen, als die Hose in die Wäsche kam. Spätabends schlich ich mich runter, wo die ganze Wäsche auf einem Riesenhaufen lag, und fand tatsächlich meine Hose wieder. Eine weitere starke Erinnerung war das lange Pflücken wildwachsender Heidelbeeren. Wir ernteten da quasi unseren eigenen Nachtisch. Außerdem gab es neben dem Heim ein Schwimmbecken, das aber wohl nur zeitweise genutzt wurde. Es gab gelegentlich auch richtige Fernsehabende.

      Auch einen Busausflug in den Europapark Rust habe ich noch gut vor Augen, es gab dort sehr große Lutscher in Plastikfolien, und dort hatten sich zahlreiche Wespen schon durchgebissen und fraßen unter der Verpackung große Hohlräume in die Lutscher. Wir fuhren auch zur "größten Kuckucksuhr der Welt". Soweit ich mich erinnere, wurden einige Mahlzeiten auch in dem kleinen Nebengebäude eingenommen. Ich erinnere mich an Graubrot mit Butter und roter Marmelade, dazu gab es Kakao und sicher auch den üblichen Hagebuttentee. An der Rezeption gab es Postkarten mit dem Heim drauf, die kosteten nach meiner Erinnerung 30 Pf.

      Natürlich hat man sich immer sehr über Post gefreut, besonders über ein Paket mit Süßigkeiten. Wenn andere sowas hatten, war man natürlich neidisch.

      Wer kann weitere Erlebnisse aus diesem Kurheim berichten?
      Hallo
      Ich war 1985 dort heute weiss ich nun endlich das ich es mir nicht eingebildet habe.... Ich zitter innerlich und immer mehr Bilder kommen hoch...
      Graupensuppe Milchsuppe⛔️
      Bis vor 10 Minuten war es mir egal, warum ich das nicht mag.... Tomaten. Käse....

      Nivea Bodylotion ..... Postkarten päckchen nie bekommen . Angst Heimweh habe mich so allein verlassen und gebrochen gefühlt.... Bis heute quälen mich unerklärliche ekel und gefühle.... Ängste... War 99 in einer Klinik und verstehe nicht, warum ich nicht dort bereits auf diese Erinnerungen zurückgreifen konnte und zu recherchieren ...
      Bitte, wenn hier jemand weiss wovon ich spreche, melde dich bei mir!

      Danke
      ID
      Hallo.

      Ich weiß nicht, ob ich bei euch richtig bin, mir fehlen soviele Erinnerungen, aber irgendetwas spricht mich hier an...

      Meine Eltern haben mich 1976 für 3 Wochen in ein Kurheim geschickt. Ich war 5 Jahre alt. Die Maassnahme wurde angeblich von der Stadt bestimmt, um mich Schulreif zu machen ( bin auch mit 5 eingeschult worden)

      Die einzigen Erinnerungen die ich an das Heim habe, sind folgende:

      Direkt daneben war ein Wald. Es gab große Duschräume, in denen man sich, auf Anordnung mit Seife "einseifen muss bis man so weiß ist wie ein Schneemann"
      Ich hatte furchtbares Heimweh, habe jede Nacht ins Bett gemacht und wurde viel ausgeschimpft, habe bei jedem Bettbezug die Knöpfe abgetreten, um mich darin zu verstecken.

      Meine Mutter sagt heute, sie kann sich nicht mehr erinnern, wo das Heim war oder wie es hieß. Sie hätte aber angerufen und darum gebeten, Bescheid zu sagen, wenn es mir nicht gut geht, ihr wurde aber immer gesagt, alles wäre bestens...

      Falls irgendjemand etwas mit meinen wenigen Erinnerungen anfangen kann, würde ich mich über Nachricht freuen. Ich mache derzeit eine Psychotherapie und versuche verzweifelt Licht in meine dunklen Flecken zu bekommen.

      Liebe Grüße

      Dine
      Hallo Dine,

      Wie sehr sich manche Geschichten doch gleichen. Ich wünsch dir viel Glück bei der Suche u mit der Therapie. Da hätten sicher viele von uns welche benötigt u hoffentlich löst sich alles auf und kommst an deine Ziele.

      Weshalb aber eine Mutter sich nicht mehr daran erinnern kann, wohin ihr Kind gekommen ist, ist mir zumindest schleierhaft. Was genau sagt einem das?


      Grüßle
      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Leser“ ()

      Hallo Leser

      Danke für deine Antwort. Mir scheint, du hast ähnliche Erfahrungen?

      Dass meine Mutter sich nicht mehr erinnert, halte ich für eine Lüge. Ich glaube, sie verdrängt es. Das Thema ist ihr auch nicht angenehm. Mit meiner Therapeutin habe ich einige Vermutung aufgestellt. Unter anderem hat mich die Aussage meiner Mutter, das die Kur quasi von der Stadt bestimmt wurde, nachdenklich gemacht. Wie kann man Eltern sowas anordnen?... Vermutung: Die Stadt war evtl das Jugendamt und das Kurheim war ein Kinderheim.

      Keine Ahnung.

      Liebe Grüße
      Endlich mal wieder paar min Luft und heute mal pünktlichen Feierabend machen kann.

      @iwo, ich hatte deinen post noch gelesen und danke dir dafür, obwohl ich ihn nicht mehr ganz vollständig im Kopf habe, kann ich gut verstehen, dass über Manches besser so halb-öffentlich nicht gepostet wird, weswegen du den Text gelöscht hast.

      Aus uns gar mehreren allen bekannten Gründen, belassen wir es dann doch lieber dabei, über Dinge nicht zu schreiben. Das geht auch mir nicht anders, weswegen ich über eine nie geschriebene Handlung im Heim nichts habe verlauten lassen. Insofern schließe ich mich nicht nur @Schwarzwald an, sondern danke auch der @Dine2904 zur Frage, ob Ähnliches erlebt wurde. Ja, auch ich war im Alter zw. 4 und 5 für mehrere Wochen in einem Heim außerhalb der Großstadt, in der ich lebte, untergebracht, was damit zu tun hatte, dass meine Mutter ein paar bes. Probleme zu bewältigen hatte und ich nicht zuhause bleiben konnte, denn sie war zum dem Zeitpunkt ungebunden und über die Probleme zu schreiben nicht sein muss.

      Auch ich habe deutlich diese tiefen Zinkbadewannen-Bilder in Erinnerung und die harten Bürsten, mit denen wir abgeschrubbt wurden, weshalb auch immer. Es gab auch andere weichere Bilder, aber alles in allem blieb aus dieser Zeit nur tiefes Verlassen-Sein und Sehnsucht danach, nicht dort dauerhaft bleiben zu müssen, zurück. Es war Winter, alles grau und trüb, obwohl Schnee lag, doch nach 6, 8 Wochen etwa war der Spuk vorüber und ich zurück zuhause, wo es nicht lange später ab und an härter zur Sache ging. Jahre darauf landete ich als 11 Jähriger in einem dieser vielen Spezialkinderheime der DDR. Der Rest ist hier bekannt, nur eben nicht alles, worüber ich nie geschrieben habe. Ich werde es in mir tragen, weil es keinen Sinn macht, Dinge zu schreiben, die einem nicht geglaubt werden würden.

      lg
      Es ist nicht das Ziel des Lebens, auf Seiten der Mehrheit zu stehen, sondern man muss versuchen, nicht im großen Heer der Verrückten zu landen. Mark Aurel
      Wer sollte dir nicht glauben, Axel? ?(
      Sorry, aber ich denke dein Schweigen da-rüber hat andere Gründe.
      Die teilweise Öffentlichkeit dieses Forums ist natürlich ein Aspekt welcher schon manches mal angesprochen wurde.
      Ich weiß das es tatsächlich einige abhält sich umfänglich mitzuteilen.

      LG
      Ganz genau Axel und Krumi, ich habe meinen Beitrag gelöscht, weil er für die Öffentlichkeit frei lesbar war.
      Das ist bei mir der Aspekt, dass ich so wenig schreibe und sicher geht es noch mehr Mitgliedern ebenso.
      Ich bin der Meinung, derart persönliche Erfahrungen und Empfindungen gehen die Öffentlichkeit nichts an. Und wer Interesse aufgrund seiner Vergangenheit hat, sich hier einzulesen oder Freunde von früher zu finden, der darf sich ruhig anmelden.
      Desweiteren sind Äußerungen im öffentlichen Bereich nicht geschützt und jeder Leser kann damit anfangen, was er möchte, wobei ich mir gerade vorstelle dass eventuell sogar "Täter" darunter sein könnten.
      Lg von mir

      M FRANZ WAGLE schrieb:

      kirchen vertreter landes ämter und und und liest hier mit


      Wen dem so ist, dann mal aus einer Mail eines Opfers an die Abwicklungsvertretung einer Täterin:

      Wie lässt sich Frieden finden, nach dem was ich als Kind ertragen musste und was ich für immer verloren habe.

      Was mich erneut erschlagen hat ist der Umgang mit den Opfern einer
      kranken Gesellschaft und die Grausamkeit derer, denen man das
      "Kindeswohl" anvertraute. Das auch sie sich an dieser
      menschenverachtenden "Abwicklung" beteiligten, war nur ein weiteres
      Stück zum Ganzen. Sie werden sich dafür verantworten müssen, sich für
      die Täter eingesetzt zu haben und die Welt wird erfahren an welchen
      grausamen Spiel Sie beteiligt waren.

      Sie haben mir nicht geholfen, sie haben mich erneut zum Opfer gemacht.

      Geschrieben 2016 von Frank der 2017 verstarb.