Bräunsdorf, Martin-Andersen-Nexö

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      RE: Bräunsdorftreffen

      schlimm ist es,zu finden,wo man mal brüllen darf
      schlimm ist es,wenn der brüllende vertrieben wird
      ok,es steht noch pause da,das aber erst seit heute,ohne mir eine pm zu schicken,war ich weg vom fenster
      ok,ist eure art
      werde weiter brüllen,nur nicht euch gegenüber,ihr erschreckt mich zu schnell
      was meine pn angeht,sabrina,ich war noch nie so überrascht
      man lernt dazu

      RE: Bräunsdorftreffen

      Ich war letztens in Bräunsdorf.
      Auf dem Kiessportplatz wächst jetzt hohes Gras.

      Das Haus 3 und die Schule waren erst zu sehen, als ich mich durch dichtes
      Buschwerk gekämpft hatte. Wie im Dschungelbuch waren vor den Eingängen
      schon Bäume gewachsen. Dicke Bäume.

      Nee, da war kein Wehleid, kein Hass, keine Freude... nur das absolut arrogante
      Gefühl tiefster Genugtuung.
      Ich bedanke mich bei der " Kinderarche " die das Heim, Gruppenbereich für
      Gruppenbereich, Haus für Haus, immer am Umziehen abgewohnt haben, bis
      nichts mehr bewohnbar war...
      Ich bedanke mich bei den Spekulanten, die die Nutzungsrechte gepachtet haben,
      und wohl nie einen Investor finden werden. Wer investiert schon in abgelegene
      überdimensionale Ruinen ?
      Und so hat das Kinderheim Bräunsdorf nur eine Geschichte. Die einer
      Verwahranstalt von Tante Margot und Onkel Erich.
      Wenn sie auch das Zeitliche segnet, empfehle ich es ihr als Friedhof.

      Bräunsdorf war nicht mein Ziel, sondern nur ein Abstecher von meiner Route,
      halbherzig angeplant, wenn man denn schon nach 30 Jahren die Strecke
      Chemnitz - Berlin über Dresden fährt.
      Und das wird es nach Lage der Dinge wohl auch gewesen sein.
      Ich habe einige wenige gute Erinnerungen an meinen Wehrdienst in Eggesin, an
      Bräunsdorf nur Schlechte.
      Andere Spezialkinderheime waren wohl anders. Ich hatte das angenehme
      Erstaunen bei einen Heimkindertreffen der Eilenburger. Auch Kehnert war besser.

      Macht Euch nichts vor. Da zerfallen nicht nur Ruinen. Da zerfällt das
      "System Bräunsdorf". Wenn ich heute noch einmal da hin sollte... ich würde lieber
      in einen JWH gehen, oder einen Knast.
      Doch ich hab´s geschafft.
      Ich sass abends mit einem ehemaligen Erzieher im Garten und wir redeten von
      damals, von danach und heute. Die meisten Erzieher gehen sich aus dem Weg,
      und grüssen sich nicht mehr. Und sollte ich noch Zweifel gehabt haben, dass meine
      Sicht auf Bräunsdorf zu streng gewesen wäre, sind sie wohl ausgeräumt.
      Touretti sagte mal zu mir : "Im Grunde genommen, sind wir alle zu Dialektikern
      erzogen worden."
      Recht hat er. Und ich hoffe, dass dem Kinderheim Bräunsdorf keinerlei Dialektik
      mehr inne wohnt.
      Sonst muss ich doch mal wieder hin.
      Daten und Fakten zum SKH Bräunsdorf:

      Nach dem zweiten Weltkrieg wurde aus der Lehranstalt 1946 die Einrichtung Jugendwerkhof. Anfangs diente diese Ausbildungsstätte der gezielten beruflichen Ausbildung von Jugendlichen. Ab 1960 wandelt sich dieses Bild zu einer Anstalt für sogenannte schwer erziehbare Jugendliche. Die Zuständigen in der damaligen DDR sprachen von einem Spezialkinderheim. Aus der gesamten damaligen DDR wurden Kinder und Jugendliche eingewiesen. Häufig wurde als schwer erziehbar klassifiziert, wessen Eltern nach Westen strebten oder wer westliches Gedankengut offenbarte.

      Nach der Wende wurde die Anstalt langsam aufgelöst und das Hauptgebäude der Königlich-Sächsischen Lehranstalt befindet sich seit dem Jahr 2003 im Eigentum der Deutschen Eliteakademie. Diese ist bemüht, dem prächtigen Gebäude wieder neues Leben einzuhauchen und es einer neuen Verwendung als Lehr- und Prüfungszentrum zuzuführen.





      Geschichte:

      1824 wurde in Bräunsdorf die Landeswaisenanstalt eingerichtet.
      Ab 1832 wurde sie ausgebaut und zur Korrektionsanstalt für kriminelle Kinder.
      Um 1900 erhielt die Anstalt den Namen Erziehungsanstalt für sittliche gefährdete Kinder.
      Nach 1933 war sie Landeskorrektionsanstalt, wobei man in Ver- und Bewahrte unterschied.
      1945 wurde die Anstalt zum Jugendwerkhof.
      Zeit die wir uns nehmen, ist Zeit die uns etwas bringt!

      RE: Bräunsdorftreffen

      Original von Proxipony
      Ich war letztens in Bräunsdorf.
      Auf dem Kiessportplatz wächst jetzt hohes Gras.

      Das Haus 3 und die Schule waren erst zu sehen, als ich mich durch dichtes
      Buschwerk gekämpft hatte. Wie im Dschungelbuch waren vor den Eingängen
      schon Bäume gewachsen. Dicke Bäume.

      Nee, da war kein Wehleid, kein Hass, keine Freude... nur das absolut arrogante
      Gefühl tiefster Genugtuung.
      Ich bedanke mich bei der " Kinderarche " die das Heim, Gruppenbereich für
      Gruppenbereich, Haus für Haus, immer am Umziehen abgewohnt haben, bis
      nichts mehr bewohnbar war...
      Ich bedanke mich bei den Spekulanten, die die Nutzungsrechte gepachtet haben,
      und wohl nie einen Investor finden werden. Wer investiert schon in abgelegene
      überdimensionale Ruinen ?
      Und so hat das Kinderheim Bräunsdorf nur eine Geschichte. Die einer
      Verwahranstalt von Tante Margot und Onkel Erich.
      Wenn sie auch das Zeitliche segnet, empfehle ich es ihr als Friedhof.

      Bräunsdorf war nicht mein Ziel, sondern nur ein Abstecher von meiner Route,
      halbherzig angeplant, wenn man denn schon nach 30 Jahren die Strecke
      Chemnitz - Berlin über Dresden fährt.
      Und das wird es nach Lage der Dinge wohl auch gewesen sein.
      Ich habe einige wenige gute Erinnerungen an meinen Wehrdienst in Eggesin, an
      Bräunsdorf nur Schlechte.
      Andere Spezialkinderheime waren wohl anders. Ich hatte das angenehme
      Erstaunen bei einen Heimkindertreffen der Eilenburger. Auch Kehnert war besser.

      Macht Euch nichts vor. Da zerfallen nicht nur Ruinen. Da zerfällt das
      "System Bräunsdorf". Wenn ich heute noch einmal da hin sollte... ich würde lieber
      in einen JWH gehen, oder einen Knast.
      Doch ich hab´s geschafft.
      Ich sass abends mit einem ehemaligen Erzieher im Garten und wir redeten von
      damals, von danach und heute. Die meisten Erzieher gehen sich aus dem Weg,
      und grüssen sich nicht mehr. Und sollte ich noch Zweifel gehabt haben, dass meine
      Sicht auf Bräunsdorf zu streng gewesen wäre, sind sie wohl ausgeräumt.
      Touretti sagte mal zu mir : "Im Grunde genommen, sind wir alle zu Dialektikern
      erzogen worden."
      Recht hat er. Und ich hoffe, dass dem Kinderheim Bräunsdorf keinerlei Dialektik
      mehr inne wohnt.
      Sonst muss ich doch mal wieder hin.



      Deine Rolle in diesem so verhassten Heim ist mir immer noch nicht so richtig klar. Leider bist Du zum Treffen letztes Jahr nicht gekommen. Die Anwesenden konnten sich sehr gut an Dich erinnern! Insbesondere A. Rückert hat eine gute Erinnerung an eure Zeit.

      RE: Bräunsdorftreffen

      Meine Rolle ?
      Stell Dir einen Menschen vor, der A.Rückert diametral gegenübersteht, also das ganze Gegenteil von ihm ist.
      Ansonsten mag ich ihn. Nur verstehen werden wir uns nie. Und so ungefähr weiss ich schon was er so im allgemeinen macht, und es erweckt keinerlei Neugier in mir.
      Meine sonstige Rolle in Bräunsdorf ist nahezu lächerlich. Hauptsächlich bin ich dorthin gekommen, um mich von meiner Ausreiseantragsreichen Familie zu isolieren. Ich bin mit einer Vorstrafe da angekommen und habe meine 9 & 10. Klasse da gemacht. Die meisste Zeit hab ich mich wie alle gelangweilt und auf die Zeit danach gewartet, dass ich mein Mädel wieder in den Arm nehmen kann. Das ging dann nicht mehr, weil sie zu fett geworden war.
      Irgentwann ist die halbe Gruppe abgehauen, und mangels anderen Personals, und weil man mich so gut mit meiner Bewährungsstrafe bedrohen konnte, wurde ich zum FDJ-Sekretär befördert, ob ich wollte oder nicht, was wohl gleichbedeutend mit einem KZ - Kapo war.Als Srellvertreter wurde mir ein armer Irrer dazugestellt, der erst jeden Einzelnen von der Gruppe verdrosch, und dann selbst von allen das Jackstück vollbekam
      Das Peinlichste an der ganzen Geschichte ist wohl, dass es regelrechte Prügelbefehle gab, die von unseren hochgeliebten Staaatsbürgerkundelehrer und Klassenlehrer, dem hochverdienten Parteisekretär Herr Pelikan erteilt wurden. Er nannte das roter Terror. Das ist kein Witz. Meiner Meinung nach war der völlig irrsinnig.
      Von meiner Seite aus gab es nichts, womit ich mich mit Ruhm bekleckert hätte, noch mir Asche aufs Haupt streuen müsste. Und so überlasse ich dann auch Herrn Pelikan die Einschätzung meiner Person, daselbst niedergeschrieben in meinem Abschlusszeugnis der 10.Klasse.

      "Hans - Peter schliesst sich häufig negativen Gruppierungen an. Als FDJ-Funktionär erfüllte er nur zeitweilig seine Pflichten im Sinne der Ziele des Jugendverbandes."

      Wie wahr...
      Nette Geschichte. Doch was wohl von allen aus gutem Grund verschwiegen wird, und daher kaum erforschbar ist die Tatsache das Bräunsdorf eine reaktivierte Einrichtung war, oder ist denn niemanden aufgefallen, dass das ja wohl kaum noch königlich - sächsiche Lehranstalt während der Zeit von 1933-1945 war.
      Wohl verschwiegen von den Dorfbewohnern, von den Erziehern und Lehrern voll verdrängtes Geschichtsbewusstsein, mit dem man ja nichts zu tun haben konnte...
      das man ja auch nicht so äussern konte, denn schliesslich wollte man ja das Bild einer sozialistisch geprägten Jugendeinrichtung darstellen.
      Und so hat selbst unsere alte coole Nachtwache Lucky immer nur mal gebrubbelt, wenn man ihn danach gefragt hat.
      Einen erstaunlichen Hinweis darauf habe ich in der königlich - sächsichen Lehranstalt in Dresden völlig zufällig gefunden, die heute das Ausbildungszentrum einiger grosser Berufsgenossenschaften ist. Demzufolge ist das Gelände wie andere
      Lehranstalten in Deutschland auch von der NAPOLA betrieben worden.
      Hinter dem Kürzel verbarg sich eine Organisation die für zukünftige nationalsozialistische Jugend- und Führungskader Wehr-und Waffenkunde sowie Schulungen in NA-tional POL-itscher A-gitation durchführten. Gegen Ende des 2. Weltkrieges waren auch partiell Zwangsarbeiter dort untergebracht.
      Aber was solls ?
      Im Gebäude von Görings "Reichsluftfahrtsministerium" residierte später die "staatliche Plankommission" und heute die "Treuhand".Wer nimmt schon noch zur Kenntnis das Buchenwald bis 1947 als KZ benutzt wurde ?
      Dieser Geschichte gegenüber zeigt Bräunsdorf sich wieder einmal langweilig. Ein viel zu grosser Brocken für ein so kleines Dorf.

      Meine Geschichte


      moin moin, bin durch Zufall hier auf die Seite gestoßen und möchte mich nunmehr auch mal zu Wort melden:


      Also, ich war auch Bewohner dieses "schönen" Heimes, und zwar von Mitte der 80iger bis so 1991, zu Beginn des Golfkrieges, als ich mich dann selber entlassen habe. Grund war das feindliches Verhalten gegenüber der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik meiner Alten, also Flucht ins Bessere Leben quasi, so das ich eines morgens um 7 Uhr vom Jugendamt quasi verschleppt wurde.


      Zu meiner Zeit war das "Haupthaus", welches gleich hinter dem Tor steht nur noch von der Verwaltung belegt, gegenüber dem Haupthaus befand sich eine Art Speise- und Küchentrakt mit Bücherei, läuft man weiter Richtung Schule auf das Gelände rauf, dann ging es einmal zu einem Wohnhaus für 3 oder 4 Gruppen, geradeaus zum Sportplatz und Turnhalle, und zu den Villen der Erzieher. Weiter kommt dann, wenn man den Weg läuft eine 5 oder 6 geschoßige Schule, sowie ein weiteres Wohnhaus, welches auch 2-Bett Zimmer hatte.


      Mein letzter Besuch 1997, da war es noch in Betrieb, und Herr Wiehland inzwischen Heimleiter, ist nun schon ein paar Tage her.


      Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, das ich oder andere befreundete Insassen (kann man Insassen sagen?) wirklich misshandelt worden oder so. Ok ich hab mal eine gescheuert bekommen, als ich mir erlaubt habe, Nachts pullern zu gehen und dabei gequastscht habe.


      Es war halt typisch DDR kann man jetzt sagen. Die letzten beiden Jahre meiner Verbringung durfte ich dann in die Dorfschule gehen, meines wissen nach war ich auch der einzige, der das jemals in der Geschichte durfte. Man hat nicht drüber gesprochen, was im Heim los war und war glaube ich froh, einen wie mich los zu sein. Man durfte eben nicht alles hinterfragen und in Frage stellen, besonders nicht die Erziehung im Sozialismus und die Unterrichtsfächer Stabi und so was in der Art. Man hat zu allem ja und ahmen gesagt, die Russen waren unsere Freunde und alles ist schick.


      Es gab im Haupthaus sowie auf den Dachböden der Häuser Kleiderkammern, wo man sich neue Sachen zum Wäschetausch abholen musste, jeden Freitag Mittag glaube ich. Man hat sich dann bis auf die Unterhose ausgezogen, stand im Treppenhaus und hat auf die Ausgabe seines Wäschepaketes gewartet. Privatsachen waren das aber keine oder kaum welche. Schuhe standen im Kellergang, neben dem Fahrradkeller. Jeden Morgen Frühsport, dann das übliche Zähne putzen blabla und dann Frühstück. Dann ging es im Team in die Schule, einer meiner Lehrerinen war Frau Bauer, die auch russisch unterrichtet hat, weiter eine Frau Herrman, die von allen UFO genannt wurde, ich glaube wegen ihrer Hose oder dem fetten Arsch. War aber beides nicht ansehnlich *LOL* Frau Kujau oder ähnlich hat Kust unterrichtet und ein dicker Mann mit Hang zur Westliteratur Werkunterricht, bei dem haben wir jedes Mal Westhefte angeschaut über irgendwelche Autos. Alles 14 Tage mussten wir dann ab Klasse 8 glaube ich nach ja wie auch immer der Ort geheißen hat fahren zum PA- Unterricht bzw. polytechnischen Unterricht, was ein nettes Wort für Sklavenarbeit gewesen ist.


      Wieso ich das schreibe? Um anderen mal einen Einblick in die Geschichte des Heimes und dem Leben dort zu geben.


      Mein unrühmlicher Abgang hatte dann auch im Keller angefangen - ich habe mir ein Rad aus dem Heim "geklaut" und bin damit nach Frankenstein, der Ort heißt wirklich so, gefahren und dort in den Zug nach Karl-Marx-Stadt bzw. Zwickau, meinen Alten gesagt, ganz schnell ZZ aufs Jugendamt und raus aus dem Laden dort. Das Problem, was man als Heimkind aber hat ist, das einmal Heimkind immer Heimkind.


      Sicherlich war vieles unter aller Sau, aber es gab auch gute Sachen, wie zum Beispiel Kinderverschickung an die Müritz, also sorry für das Wort, aber irgendwie fällt mir nichts anderes dazu ein, weil Urlaub war das ja keiner. Das Heim hatte ine Art Ferienlager, was in Boeck an der Müritz gewesen ist und aus naja Baraken bestand. Dort war man dann 14 Tage hingeschickt wurden. Ansich ganz nett, wenn nur die ganzen Russen mit ihren Panzern nicht gewesen wären. Ein Bunker nach dem anderen. Das Lager gibt es aber auch nicht mehr.


      In dem Heim waren zu meiner Zeit mehr oder weniger Jungs, die einfach Kinder waren und das gemacht haben, was man mit 11, 12 oder 13 halt so macht Jede Menge misst. Und dann waren da noch die Staatsfeinde, die irgendwie glaube ich das erste halbe Jahr nicht mal nach Hause durften, zumindest war es bei mir so.


      Ich such auch ehemalige Bräunis, kann mich noch an Mike Heinze, Rene Steffes und Heiko Lehmann erinnern, sowie Nico Dubiel, mit dem ich mir dann das Zimmer geteilt habe. Jetzt wo ich die anderen Namen lese, kommt auch die erinnerung wieder hoch. Vlt. kann man ja mal ein Treffen orgen und sich dort treffen, nen Tee schlürfen und Erfahrung austauschen.
      Halloschen Electroräuber...

      Erst mal warst Du ja sehr lange in Bräunsdorf. Ich denke mal, wir könnten uns kaum kennen, da Du ja verhältnismässig klein warst.
      Vor einiger Zeit haben wir mal die Feststellung gemacht, dass sich in einem Heim
      innerhalb von vierzig Jahren nicht nur das Konzept, sondern auch die ganze Bewegungsform verändert hatte.

      Wir hatten jedenfalls einen Heimleiter namens Becker und einen Politnik namens Pelikan. Herr Söding erzählte mir, irgendwann flog auf, dass sie sich auf Kosten der Volksbildung bereichert hätten, was mit dem Becker passierte weiss ich nicht, aber Pelikan hat sich mit irgendeiner Dienstpistole erschossen.
      Aber immerhin erreichten sie in den Jahren, dass wir keine Kinder sondern "Zöglinge" genannt wurden.
      Ich war 1976-78 da, in der 9.+10. Klasse. Das System war relativ einfach. Immer die 10. Klasse hatte als Vorbild zu funktionieren. Als Vorbild für alle Anderen Zöglinge. Ich fand schon besonders krass, wie gut diese 10.Klasse funktionierte, als wir noch in der 9. Klasse waren. Die Erzieher da hiessen Thümmel und Hantschke. Ersterer war ein Schläger, letzterer ein Hirnbohrer.
      Die waren fertig gedrillt.
      Bei uns ging das nicht so gut, von Anfang an nicht. Als erste Massnahme war nämlich tatsächlich angedacht, alle Neuankommenden besonders die Berliner erst mal zu verkloppen. Das ist kein Witz. Das war ein Rat unseres Herrn Pelikan an seine FDJ-Leitung. Das funktionierte lediglich nicht, weil wir neun fast am selben Tag kamen, und einen Kopf grösser waren.

      Grundsätzlich waren wir "Staatsfeinde", die mehr oder weniger gefährlich waren. Und ebenso nahmen wir eine mehr oder weniger positive Entwicklung zu "sozialistischen Persönlichkeiten" und uns wurden die Schüler der zehnten als Vorbilder dargestellt.

      Einen ersten Beitrag aus unserer Gruppe gab es, als wir einen neuen Rekord aufstellten. 9 Mann aus unserer Gruppe sind in der selben Nacht entwichen. Darunter witzigerweise die ganze sogenannte FDJ-Leitung, die ja eigentlich im Erziehungskonzept eine sehr zentrale Rolle spielten. Es hätten auch zehn sein können, allein ich blieb, weil ich eine Bewährungsstrafe hatte, und willens war, meine 10. Klasse zu schaffen.

      Gut ein Jahr älter als alle Anderen, mit einer Bewährungsstrafe war bis dato die einhellige Meinung des pädagogischen Personals dass ich mich besser gleich selber in das Jugendhaus Halle oder in einen Jugendwerkhof anmelden sollte.

      Angesichts dieses Ereignishorizontes änderte sich alles. Zuerst war erst mal alles verblüfft, dass ich noch da war. Als erstes wurde ich zum "kommissarischen FDJ-Sekretär" ernannt, ungeachtet der Tatsache, dass ich nicht in der FDJ war. Meinen Aufnahmeantrag füllte Herr Pelikan aus, und er bearbeitete mich bis ich unterschrieb.

      Nach der allgemeinen Fassungslosigkeit kam die Rache. Nach und nach wurden alle aufgegriffen, einer wurde als Aufrührer gleich in einen JWH geschickt, alle Anderen einzeln im "Erzieherzimmer" mit Sand gefüllten Schläuchen zusammengeschlagen. Ich versichere, sie haben geblutet wie die Schweine.
      Ja, dann haben sie sich gefühlt.

      Bei der Gelegenheit wurde gleich mal ein Erzieher ausgewechselt, und ein Genosse L.P. übernahm unsere Gruppe.

      Doch das war´s dann. Wie ich viel später hörte, war das Blutbad nicht nur das Thema der nächsten Parteiversammlung, sondern einer Strafanzeige von Eltern.
      Der Genosse Erzieher L.P. war gar kein schlechter Kerl, und wenn ich von Pelikan den "Befehl" bekam, einen zusammenschlagen zu lassen, konnte ich mich an ihn wenden, und er hat mir geholfen dass abzubiegen.

      Ende 77, Anfang 78 in der 10.Klasse war der Genosse L.P. auf einmal kein Genosse mehr, sondern ein Erzieher mit Hausverbot. Vor einigen Jahren hatte ich ein Telefongespräch mit diesem Mann, und er hat mir eine
      unglaubliche Geschichte dazu erzählt, aber die steht auf einen anderem
      Blatt. Er war plötzlich, ohne eigenes Zutun ein Staatsfeind. Pelikan eigentlich nicht nur Parteisekretär, sondern auch Staatsbürgerkunde-, Geschichte-,und Deutschlehrer, war auf einmal selbst auch unser Erzieher.

      Von da an waren wir ständig wüsten Ergüssen aus Drohungen, Verherrlichungen
      stalinistischer Politik... nein, nicht in den 50-er Jahren, sondern Ende der 70-er... und gebotener bolschewistischer Strenge ausgesetzt. Bräunsdorf, das letzte Loch in Sachsen, gelegen im Striegistal, ja da war das noch richtig lebendig.

      Am 15. Februar 1978... das Datum weiss ich noch... hatte ich ein persönliches Gespräch mit Pelikan. Er ordnete eine Gruppenkeile gegen ein Gruppenmitglied an. Ich lehnte ab. Er drohte mit meiner Bewährungsstrafe. Die ist heute abgelaufen sagte ich.Dann solle ich mich bereit machen, ich komme bald in den Jugendwerkhof, darauf könne ich mich verlassen. Vorher war plötzlich mein stellvertretender FDJ-Sekretär mitten aus der Stunde als "Staatsfeind" in den Jugendwerkhof gewandert...keine Ahnung warum... er war ein feiner Kerl. Statt seiner war plötzlich ein um sich schlagender Halbaffe Stellvertreter... und ich hatte nicht den geringsten Zweifel. Willig nahm er auch diesmal den Auftrag an, aber er traf auf die ganze vorbereitete Gruppe...

      Ja, und sogar die Jugendwerkhofidee fiel gründlich ins Wasser... ich musste wenigstens bis zu meiner Musterung da bleiben, da ich bald 18 war, hatte ich einen Musterungsbefehl bekommen.

      Ich erzähle gern diese Anekdote, weil sie so DDR - typisch ist.
      Ich musste nur noch nach Freiberg in Sachsen, danach war meine Verlegung in den JWH klargemacht. Üblicherweise war dann ein Apell auf dem Schulhof, wo der Betreffende vor allen anderen Zöglingen vortreten musste, seine Verlegung in den JWH wurde bekannt gegeben, seine Schlechtigkeiten aufgezählt und er durfte dann in den Barkas steigen... weg war er....
      Also für den Nachmittag war der Appell schon angesagt. Na ich hatte mich schon abgeschrieben.
      Ich komme also in das Wehrkreiskommando, muss an einen Tisch sitzen und ausser den Uniformierten sitzen noch ein paar Herren in Zivil am Tisch... hehe
      ich war wirklich am Militär interessiert...stellte Fragen...und ehrlich spannend haben sie es gemacht...
      Naja 25 Jahre...nein...10 ?...kann man ja machen, wenn es mir wirklich gut gefällt...3 Jahre...OK. Na klar, unser sozialistisches Vaterland verteidigen, welches denn sonst ?... Vorraussetzungen ? 10. Klasse... echt traurig, die kann ich dann doch nicht machen, ich werde ja nachher in den Jugendwerkhof verlegt.
      Ich will ehrlich sein, ich war jetzt richtig traurig, nicht mal richtig zur Armee konnte ich gehen...
      Die verstanden gar nix, und ich hatte keine Ahnung was ich anrichtete, als ich ihnen erzählte, wie das mit mir ist, und das sie und ich keine Chance gegen die Gepflogenheiten der Jugendhilfe hätten. Die waren ziemlich schockiert, und sauer, sie schüttelten die Köpfe, ich dachte wegen mir...
      Eine gute Stunde rannten sie geschäftig rein und raus, dann schoben sie mir das Blatt mit der Verpflichtungserklärung wieder zu, und sie sagten, dass es mir möglich sein würde, länger zu dienen, ich solle den Kopf nicht hängen lassen.
      Ich begriff gar nicht die Tragweite dieser Situation und unterschrieb.
      Erst im Bus überdachte ich alles etwas...der Barkas war nicht mehr vor dem WKK.. und kam in Bräunsdorf an als der Apell begann...stellte mich in die Reihen, und Becker und Pelikan standen wie immer vorn, mir fiel nur auf dass Pelikan am ganzen Körper zitterte...
      Mein Name wurde aufgerufen. Fatalistisch ging ich nach vorn, drehte mich zur Belegschaft und erwartete nun, das meine Verlegung in den JWH verkündet wird...

      Hinter mir verkündete Becker, dass ich das wohl beste Beispiel sozialistischer Erziehung bin, bereit, längerdienend das Heimatland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, das beste Beispiel als FDJ - Sekretär voran zu gehen...man solle sich in Zukunft ein Beispiel an mir nehmen, und mir nacheifern...u.s.w.
      "Ihr Arschlöcher" sagte ich als sie mir noch demonstrativ die Hand schüttelten.

      Damit war die ganze Geschichte schon fast zu Ende...ganz ruhig machte ich die 10.Klasse und Pelikan war bei uns rar...gelegentlich versuchte er mich daran zu erinnern, dass ich FDJ-Funktionär wäre, doch die Geschichte war gelaufen...

      Die Jugendhilfe wollte mich nicht zu meiner "belasteten" Familie entlassen und so blieb ich noch fast die ganzen Ferien durch, ich erlebte das Ferienlager "Boek am Sender" und dort einen ständig besoffenen, von allen gemiedenen Pelikan. Ich war sogar als pädagogischer Helfer beschäftigt, und versuchte mit den Kleinen was Tolles zu unternehmen...das Ferienlager wurde vom Schulleiter geleitet, und ich wurde auch von den Erziehern wie einer von Ihnen behandelt. Und da bemerkte ich bald, wie die alle dieses Monster verabscheuten...

      An meinen 18.Geburtstag,am Ende der Ferien...packte ich meine Koffer, und fuhr, sehr zum Entsetzen aller nach Berlin...zum Entsetzen der Jugendhilfe und der Erzieher...sie hatten etwas Anderes geplant.
      Und innerhalb von 24 Stunden saß ich wieder bei der Stasi und erzählte meine Geschichte weshalb ich auf der Treppe des Referats Jugendhilfe schlief...direkt vor dem Hinterausgang der Stasidienststelle Wirtschaftskriminalität und wieder schüttelten welche die Köpfe...

      Ich habe nie gewusst, dass meine Schwester bereits 1973 einen Ausreiseantrag für mich mit gestellt hatte.

      Ich bekam sofort eine Wohnung und eine Lehrstelle in Berlin, nur das Wiedersehen mit meiner Schwester war recht kurz...sofort wurde ihr Ausreiseantrag bewilligt, was mir gleich eine Wohnungseinrichtung verschaffte...

      Beim Einsehen in meine Stasiakte 1991 habe ich vieles erst begriffen, vieles was vorher gar keinen Zusammenhang zu haben schien.

      Aber was, was haben eigentlich diese kleinen stellvertretenden FDJ-Sekretäre...Kinder...Steffen Krönicke und Uwe Frank eigentlich getan, nie die 10.Klasse machen zu dürfen, und einen Jugendwerkhof deportiert zu werden ?
      Ist das alles nur das Werk eines übriggebliebenen versoffenen Ex-Politoffiziers ?

      Blinzelnd sagte Genosse L.P. mal zu mir, solche Leute haben nichts mit Kommunismus zu tun. Man kann nur warten bis sie aussterben, ehe man den Sozialismus aufbauen kann. Naja, sie sind wohl immer noch nicht ausgestorben.