Nordwalde Bispinghof

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      Das Schicksal der Heimkinder: Traumatisiert und gedemütigt


      Friedhelm „Puma“ Münter steht vor dem „Gelben Haus“ in Nordwalde, in dem er als Heimkind vier Jahre gelebt hat. Trotz allem, was er dort erlebt hat, sagt er: „Das war mal meine Heimat.“
      Foto:(Stefan Werding)




      Das Schicksal der Heimkinder: Traumatisiert und gedemütigt


      Nordwalde - Friedhelm Münters Leben geriet gleich nach der Geburt ins Trudeln. An dem Tag, an dem er im Alter von drei Monaten in seinem ersten Kinderheim landete, begann eine Zeit zwischen Abenteuerland und Hölle. Münter ist eines der Heimkinder, die in den 50er und 60er Jahren alles mögliche am eigenen Leib zu spüren bekommen haben: Schläge, Schreie, sexuellen Missbrauch. Wer ins Bett gemacht hatte, musste mit dem nassen Laken durchs Haus laufen und so allen zeigen, dass er „das größte Schwein im Heim“ war. „Ich war traumatisiert“, sagt Münter heute. Anfang April fährt er wieder nach Berlin, um am Runden Tisch teilzunehmen. An dem reden ehemalige Heimkinder, Bund, Länder, Kirchen und Jugendhilfe über diese Nachkriegsgeschichte.

      „Das ist dringend nötig“, findet Münter. „Ich habe Jahrzehnte gebraucht, bis ich das alles verarbeitet habe“, sagt der Bär von einem Mann. Hat niemandem erzählt, dass er mit vier Jahren im Sack vom Nikolaus landete, statt Süßigkeiten geschenkt zu bekommen; dass er und seine Schwester auseinandergerissen wurden, nur weil Schwester Ilse in den 60er Jahren meinte, die Luft in Nordwalde sei zu schlecht und er brauche eine starke Männerhand. Die hat er in Werl bekommen - und wurde gleich von einem Erzieher in Werl missbraucht. Das war für ihn neu - und die Hölle: 56 Jungs auf vier Erzieher, Antreten wie auf dem Kasernenhof, Kinderarbeit. Die Zeit danach beschreibt Münter so: „Ich trudelte durchs Leben.“


      Die vier Jahre, die er im Bispinghof in Nordwalde lebte, hat der heute 57-Jährige da fast noch in angenehmer Erinnerung. Hinter dem „Gelben Haus“ liegt eine kleine Insel mit einer wackeligen Brücke über eine Gräfte, auf die er sich zurückziehen und sich eine andere Welt vorstellen konnte. „Da gab es keinen anderen Menschen“, sagt Münter über diese Welt. Da war sein Abenteuerland und sein „sicherer Ort“.

      Münter war gewiss kein Musterknabe. „Puma“, wie sie ihn früher riefen, erzählt von dem Recht des Stärkeren, das unter den Heimkindern galt. Und nach dem, was er erzählt, muss er oft im Recht gewesen sein. Er sagt über die Zeit in Nordwalde aber auch: „Ich habe die meiste Senge gekriegt.“ Die Erzieher wehren sich auf ihre Art: Wenn sie ihn nicht einsperren, anschreien oder schlagen, bezeichnen sie ihn in seinen Akten als „schwachsinnig“. Ob das stimmt, kontrolliert niemand. Über den Punkten, auf denen ein Mitarbeiter des Jugendamts seine Kontrolle bestätigen sollte, steht - nichts.

      Diakon Willy Paulsen, der selbst von 1984 bis 1992 als Erzieher im Bispinghof arbeitete, ist weit davon entfernt, irgendetwas zu beschönigen, was in den 50er und 60er Jahren im Haus der evangelischen Kirche passierte. Diakonissen, die damals das Haus geleitet haben, taten das ohne jede Kontrolle: „Das ist heute undenkbar“, sagt er. Die Zahl der Betreuer pro Kind sei nicht nur erheblich höher, sondern auch das emotionale Verhältnis ein völlig anderes: „Das Menschenbild heute ist geprägt von einem Miteinander und der Wertschätzung der Kinder.“

      Münter stimmt dem zu. Für das, was er erlitten hat, ist er bemerkenswert versöhnlich. Er will kein Geld („Das juckt mich nicht“) vom Runden Tisch und er ist den Schwestern nicht böse („Die waren überlastet“). Aber er will Anerkennung. Vor dem Sozialgericht will er die Bundesrepublik wegen der Misshandlungen und der Trennung von seiner Schwester verklagen. „Wer in staatlicher Obhut lebt, hat ein Recht auf Unversehrtheit“, findet er. Aber genau die hat man ihm genommen.


      VON STEFAN WERDING, MÜNSTER


      westfaelische-nachrichten.de/a…iert_und_gedemuetigt.html