Halloschen Electroräuber...
Erst mal warst Du ja sehr lange in Bräunsdorf. Ich denke mal, wir könnten uns kaum kennen, da Du ja verhältnismässig klein warst.
Vor einiger Zeit haben wir mal die Feststellung gemacht, dass sich in einem Heim
innerhalb von vierzig Jahren nicht nur das Konzept, sondern auch die ganze Bewegungsform verändert hatte.
Wir hatten jedenfalls einen Heimleiter namens Becker und einen Politnik namens Pelikan. Herr Söding erzählte mir, irgendwann flog auf, dass sie sich auf Kosten der Volksbildung bereichert hätten, was mit dem Becker passierte weiss ich nicht, aber Pelikan hat sich mit irgendeiner Dienstpistole erschossen.
Aber immerhin erreichten sie in den Jahren, dass wir keine Kinder sondern "Zöglinge" genannt wurden.
Ich war 1976-78 da, in der 9.+10. Klasse. Das System war relativ einfach. Immer die 10. Klasse hatte als Vorbild zu funktionieren. Als Vorbild für alle Anderen Zöglinge. Ich fand schon besonders krass, wie gut diese 10.Klasse funktionierte, als wir noch in der 9. Klasse waren. Die Erzieher da hiessen Thümmel und Hantschke. Ersterer war ein Schläger, letzterer ein Hirnbohrer.
Die waren fertig gedrillt.
Bei uns ging das nicht so gut, von Anfang an nicht. Als erste Massnahme war nämlich tatsächlich angedacht, alle Neuankommenden besonders die Berliner erst mal zu verkloppen. Das ist kein Witz. Das war ein Rat unseres Herrn Pelikan an seine FDJ-Leitung. Das funktionierte lediglich nicht, weil wir neun fast am selben Tag kamen, und einen Kopf grösser waren.
Grundsätzlich waren wir "Staatsfeinde", die mehr oder weniger gefährlich waren. Und ebenso nahmen wir eine mehr oder weniger positive Entwicklung zu "sozialistischen Persönlichkeiten" und uns wurden die Schüler der zehnten als Vorbilder dargestellt.
Einen ersten Beitrag aus unserer Gruppe gab es, als wir einen neuen Rekord aufstellten. 9 Mann aus unserer Gruppe sind in der selben Nacht entwichen. Darunter witzigerweise die ganze sogenannte FDJ-Leitung, die ja eigentlich im Erziehungskonzept eine sehr zentrale Rolle spielten. Es hätten auch zehn sein können, allein ich blieb, weil ich eine Bewährungsstrafe hatte, und willens war, meine 10. Klasse zu schaffen.
Gut ein Jahr älter als alle Anderen, mit einer Bewährungsstrafe war bis dato die einhellige Meinung des pädagogischen Personals dass ich mich besser gleich selber in das Jugendhaus Halle oder in einen Jugendwerkhof anmelden sollte.
Angesichts dieses Ereignishorizontes änderte sich alles. Zuerst war erst mal alles verblüfft, dass ich noch da war. Als erstes wurde ich zum "kommissarischen FDJ-Sekretär" ernannt, ungeachtet der Tatsache, dass ich nicht in der FDJ war. Meinen Aufnahmeantrag füllte Herr Pelikan aus, und er bearbeitete mich bis ich unterschrieb.
Nach der allgemeinen Fassungslosigkeit kam die Rache. Nach und nach wurden alle aufgegriffen, einer wurde als Aufrührer gleich in einen JWH geschickt, alle Anderen einzeln im "Erzieherzimmer" mit Sand gefüllten Schläuchen zusammengeschlagen. Ich versichere, sie haben geblutet wie die Schweine.
Ja, dann haben sie sich gefühlt.
Bei der Gelegenheit wurde gleich mal ein Erzieher ausgewechselt, und ein Genosse L.P. übernahm unsere Gruppe.
Doch das war´s dann. Wie ich viel später hörte, war das Blutbad nicht nur das Thema der nächsten Parteiversammlung, sondern einer Strafanzeige von Eltern.
Der Genosse Erzieher L.P. war gar kein schlechter Kerl, und wenn ich von Pelikan den "Befehl" bekam, einen zusammenschlagen zu lassen, konnte ich mich an ihn wenden, und er hat mir geholfen dass abzubiegen.
Ende 77, Anfang 78 in der 10.Klasse war der Genosse L.P. auf einmal kein Genosse mehr, sondern ein Erzieher mit Hausverbot. Vor einigen Jahren hatte ich ein Telefongespräch mit diesem Mann, und er hat mir eine
unglaubliche Geschichte dazu erzählt, aber die steht auf einen anderem
Blatt. Er war plötzlich, ohne eigenes Zutun ein Staatsfeind. Pelikan eigentlich nicht nur Parteisekretär, sondern auch Staatsbürgerkunde-, Geschichte-,und Deutschlehrer, war auf einmal selbst auch unser Erzieher.
Von da an waren wir ständig wüsten Ergüssen aus Drohungen, Verherrlichungen
stalinistischer Politik... nein, nicht in den 50-er Jahren, sondern Ende der 70-er... und gebotener bolschewistischer Strenge ausgesetzt. Bräunsdorf, das letzte Loch in Sachsen, gelegen im Striegistal, ja da war das noch richtig lebendig.
Am 15. Februar 1978... das Datum weiss ich noch... hatte ich ein persönliches Gespräch mit Pelikan. Er ordnete eine Gruppenkeile gegen ein Gruppenmitglied an. Ich lehnte ab. Er drohte mit meiner Bewährungsstrafe. Die ist heute abgelaufen sagte ich.Dann solle ich mich bereit machen, ich komme bald in den Jugendwerkhof, darauf könne ich mich verlassen. Vorher war plötzlich mein stellvertretender FDJ-Sekretär mitten aus der Stunde als "Staatsfeind" in den Jugendwerkhof gewandert...keine Ahnung warum... er war ein feiner Kerl. Statt seiner war plötzlich ein um sich schlagender Halbaffe Stellvertreter... und ich hatte nicht den geringsten Zweifel. Willig nahm er auch diesmal den Auftrag an, aber er traf auf die ganze vorbereitete Gruppe...
Ja, und sogar die Jugendwerkhofidee fiel gründlich ins Wasser... ich musste wenigstens bis zu meiner Musterung da bleiben, da ich bald 18 war, hatte ich einen Musterungsbefehl bekommen.
Ich erzähle gern diese Anekdote, weil sie so DDR - typisch ist.
Ich musste nur noch nach Freiberg in Sachsen, danach war meine Verlegung in den JWH klargemacht. Üblicherweise war dann ein Apell auf dem Schulhof, wo der Betreffende vor allen anderen Zöglingen vortreten musste, seine Verlegung in den JWH wurde bekannt gegeben, seine Schlechtigkeiten aufgezählt und er durfte dann in den Barkas steigen... weg war er....
Also für den Nachmittag war der Appell schon angesagt. Na ich hatte mich schon abgeschrieben.
Ich komme also in das Wehrkreiskommando, muss an einen Tisch sitzen und ausser den Uniformierten sitzen noch ein paar Herren in Zivil am Tisch... hehe
ich war wirklich am Militär interessiert...stellte Fragen...und ehrlich spannend haben sie es gemacht...
Naja 25 Jahre...nein...10 ?...kann man ja machen, wenn es mir wirklich gut gefällt...3 Jahre...OK. Na klar, unser sozialistisches Vaterland verteidigen, welches denn sonst ?... Vorraussetzungen ? 10. Klasse... echt traurig, die kann ich dann doch nicht machen, ich werde ja nachher in den Jugendwerkhof verlegt.
Ich will ehrlich sein, ich war jetzt richtig traurig, nicht mal richtig zur Armee konnte ich gehen...
Die verstanden gar nix, und ich hatte keine Ahnung was ich anrichtete, als ich ihnen erzählte, wie das mit mir ist, und das sie und ich keine Chance gegen die Gepflogenheiten der Jugendhilfe hätten. Die waren ziemlich schockiert, und sauer, sie schüttelten die Köpfe, ich dachte wegen mir...
Eine gute Stunde rannten sie geschäftig rein und raus, dann schoben sie mir das Blatt mit der Verpflichtungserklärung wieder zu, und sie sagten, dass es mir möglich sein würde, länger zu dienen, ich solle den Kopf nicht hängen lassen.
Ich begriff gar nicht die Tragweite dieser Situation und unterschrieb.
Erst im Bus überdachte ich alles etwas...der Barkas war nicht mehr vor dem WKK.. und kam in Bräunsdorf an als der Apell begann...stellte mich in die Reihen, und Becker und Pelikan standen wie immer vorn, mir fiel nur auf dass Pelikan am ganzen Körper zitterte...
Mein Name wurde aufgerufen. Fatalistisch ging ich nach vorn, drehte mich zur Belegschaft und erwartete nun, das meine Verlegung in den JWH verkündet wird...
Hinter mir verkündete Becker, dass ich das wohl beste Beispiel sozialistischer Erziehung bin, bereit, längerdienend das Heimatland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, das beste Beispiel als FDJ - Sekretär voran zu gehen...man solle sich in Zukunft ein Beispiel an mir nehmen, und mir nacheifern...u.s.w.
"Ihr Arschlöcher" sagte ich als sie mir noch demonstrativ die Hand schüttelten.
Damit war die ganze Geschichte schon fast zu Ende...ganz ruhig machte ich die 10.Klasse und Pelikan war bei uns rar...gelegentlich versuchte er mich daran zu erinnern, dass ich FDJ-Funktionär wäre, doch die Geschichte war gelaufen...
Die Jugendhilfe wollte mich nicht zu meiner "belasteten" Familie entlassen und so blieb ich noch fast die ganzen Ferien durch, ich erlebte das Ferienlager "Boek am Sender" und dort einen ständig besoffenen, von allen gemiedenen Pelikan. Ich war sogar als pädagogischer Helfer beschäftigt, und versuchte mit den Kleinen was Tolles zu unternehmen...das Ferienlager wurde vom Schulleiter geleitet, und ich wurde auch von den Erziehern wie einer von Ihnen behandelt. Und da bemerkte ich bald, wie die alle dieses Monster verabscheuten...
An meinen 18.Geburtstag,am Ende der Ferien...packte ich meine Koffer, und fuhr, sehr zum Entsetzen aller nach Berlin...zum Entsetzen der Jugendhilfe und der Erzieher...sie hatten etwas Anderes geplant.
Und innerhalb von 24 Stunden saß ich wieder bei der Stasi und erzählte meine Geschichte weshalb ich auf der Treppe des Referats Jugendhilfe schlief...direkt vor dem Hinterausgang der Stasidienststelle Wirtschaftskriminalität und wieder schüttelten welche die Köpfe...
Ich habe nie gewusst, dass meine Schwester bereits 1973 einen Ausreiseantrag für mich mit gestellt hatte.
Ich bekam sofort eine Wohnung und eine Lehrstelle in Berlin, nur das Wiedersehen mit meiner Schwester war recht kurz...sofort wurde ihr Ausreiseantrag bewilligt, was mir gleich eine Wohnungseinrichtung verschaffte...
Beim Einsehen in meine Stasiakte 1991 habe ich vieles erst begriffen, vieles was vorher gar keinen Zusammenhang zu haben schien.
Aber was, was haben eigentlich diese kleinen stellvertretenden FDJ-Sekretäre...Kinder...Steffen Krönicke und Uwe Frank eigentlich getan, nie die 10.Klasse machen zu dürfen, und einen Jugendwerkhof deportiert zu werden ?
Ist das alles nur das Werk eines übriggebliebenen versoffenen Ex-Politoffiziers ?
Blinzelnd sagte Genosse L.P. mal zu mir, solche Leute haben nichts mit Kommunismus zu tun. Man kann nur warten bis sie aussterben, ehe man den Sozialismus aufbauen kann. Naja, sie sind wohl immer noch nicht ausgestorben.